Von Peter Gurr

Über Nacht waren aus uns 36 deutschen Touristen auf der Karibikinsel Antigua Zechpreller geworden. Zwar hatten wir alle pünktlich zwei Wochen vor Reisebeginn den Preis für Flug, Übernachtung und Verpflegung (wenigstens 3000 Mark pro Person für 14 Tage) an unser Reiseunternehmen in Frankfurt überwiesen. Wir hatten dafür auch Flugtickets und Hotelgutscheine erhalten. Seit Montag, dem 15. 12. 1980, aber waren die teuren Vouchers nur noch Makulatur. Denn an diesem Tag machte unser Ferienveranstalter „Terramar“ zu. Das drittgrößte Fernreiseunternehmen der Bundesrepublik war pleite.

Der Terramar-Bankrott ließ sich Zeit, bis er das karibische Eiland erreichte. Montag und Dienstag genossen wir ahnungslosen Urlauber noch unbeschwert die tropischen Temperaturen. Die Sonne zeigte sich nach einer ungewöhnlich regnerischen Woche erstmals wieder mit kräftigen Strahlen kataloggerecht und versprach knusprige Urlaubsbräune. Das aufgewühlte Meer hatte sich wieder beruhigt, und kleine Sunfish-Segelboote wurden zu Wasser gelassen, die glasklare, rund 28 Grad warme See lud zum Schwimmen und Tauchen ein.

Die Vertreibung aus dem Paradies zeichnete sich erst am Dienstag andeutungsweise ab. Zwei Gäste des Terramar-Vertragshotels „Hawksbill Beach“ hatten, die zweite Terramar-Unterkunft „Jolly Beach“ besucht und dort Gerüchte aufgeschnappt, wonach Terramar Konkurs angemeldet habe. Tatsächlich bat am nächsten Morgen, also am Mittwoch, der Hotelmanager Noel Heyst uns sechzehn – im „Hawksbill Beach“ untergebrachten Terramar-Touristen – zu einer „wichtigen Besprechung“.

Zu dem morgendlichen Treffen kam erwartungsgemäß auch die Terramar-Reiseleiterin auf Antigua; die junge Jasmin Witzing verkündete ihrer immer noch ferienfroh gestimmten Urlauberversammlung in dürren Worten: „Terramar ist seit dem 15. bankrott, und ich bin somit nicht mehr Ihre Reiseleiterin. Seit Montag sind Sie also auf eigene Kosten und eigene Verantwortung hier auf Antigua.“ Ein Fernschreiben aus Frankfurt belegte die böse Kunde: „Terramar stellt heute den Betrieb ein, Condor befördert weiterhin alle Terramar-Passagiere, TUI assistiert.“

Spätestens jetzt wurde jedem in der Runde klar, daß der Urlaub zu Ende war, sofern nicht ein kräftiger Griff ins Portemonnaie die restlichen Ferientage sicherte. In der Tat war der geforderte Nachschlag gewaltig. Sigurd Gudd, Generaldirektor des „Universal Carribean Establishment“, dem die beiden Hotels „Hawksbill“ und „Jolly Beach“ angehören, hatte in einer schnellen Reaktion auf die Terramar-Pleite sein Bedauern bereits in Dollar und Cent ausgedrückt: „Unterkunft und Mahlzeiten der Terramar-Touristen gehen ab Montag auf das Konto der Gäste. Im Doppelzimmer sind pro Person 39 US-Dollar, im Einzelzimmer 49 US-Dollar zu bezahlen“, hieß es in seiner Mitteilung. Gudd forderte zwar von seinen Gästen auch nur jenen Preis, den Terramar hätte bezahlen müssen (und nicht den höheren Preis für Einzelgäste), aber das waren doch mindestens 80 Mark pro Tag für jeden Urlauber. Des Direktors Alternative zu diesem Angebot war lapidar: „... oder Sie verlassen sofort das Hotel.“

Verständlicherweise versuchte unsere Reiseleiterin, jedem von uns den nächstmöglichen Abflugtermin (am Sonntag, dem 21. Dezember) schmackhaft zu machen. Gäste, die ohnehin nur bis zum 21.12. gebucht hatten, kamen mit einem blauen Auge davon. Schließlich hätten auch sie rund 500 Mark pro Person draufzahlen müssen. Wer bis zum 28. Dezember bleiben wollte, sollte für die zweite Woche bereits den höheren Saisontarif von 52 US-Dollar pro Person für das Doppelzimmer und 62 US-Dollar für das Einzelzimmer bezahlen. Vier Gäste aus unserer sprachlosen Runde waren freilich erst am Sonntag angekommen und hatten vor, drei Wochen zu bleiben. Von ihnen forderte der Hotelier Gudd knapp 3000 Mark pro Person.