Dieses seltsame Insekt mit der Lanze hat selbstverständlich einen lateinischen Namen, der obendrein wie eine poetische Erfin- dung klingt: "Exaerete smaragdina". Und es hateinen in der Umgangssprache, und der lautet schlicht: Goldbiene. Die Faszination, die jeden ergreift, der auch nur flüchtig in diesem prachtvollen, hervorragend gedruckten großen Band blättert, sind die Bilder, lauter unter der Lupe gemalte Gemälde im Folioformat von gespenstischer Schönheit. Der Maler dieser 34 Insekten, meistens Käfer, ist Bernard Durin, ein 1940 geborener Franzose, der sich vorher als Zeichner von Pinup-Girls für Zeitschriften wie Playboy und Lui geübt hat. Die Exaktheit seiner Darstellungen ist überwältigend; sie enthüllt eine in unserem flüchtigen Dasein meistens gar nicht wahrgenommene Lust der Natur zu Ornamenten: Die Insektenkörper und -gewänder sind übersät davon. Gerhard Schäfer, der Leiter der Käfer-Abteilung in der Zoologischen Staatssammlung in München, hat jedes einzelne Tier mit angemessener Farbigkeit beschrieben, und Paul Armand Gette berichtet in seiner von Textbeispielen ergänzten Einführung von der Rolle, die Insekten in der Literatur spielen. ("Käfer und andere Kerbtiere", 34 Zeichnungen von Bernard Durin; Einleitung aus dem Französischen von Günter Metken; Schirmer/Mosel Verlag, München, 1990r; 108 S., 98,– DM) Man – denkt bei diesen akribischen Darstellungen leicht an Albrecht Dürers Gräser und Hasen; doch empfiehlt sich hier viel mehr der weiland Färbermeister Aloys Zötl, der von 1803 bis 1887 gelebt und ein hundertsiebzig Aquarelle zählendes Tier-Opus hinterlassen hat. Fünfzig davon sind nun, liebenswürdig eingeleitet mit einem gedankenseligen Essay Giovanni Mariottis, unter dem Titel "Das Bestiarium" herausgekommen (deutsch von Linde Birk; Verlag S. A. Weber, Genf, 1980; 94 S., 39,– DM). Eigentlich sind das alles "szenische Porträts" in Landschaften von geheimnisvoller schöner Fremdheit. Mal sind die Tiere – Schlangen, Affen, Nagetiere, Elche, Gürteltiere und andere Exoten – wie Denkmäler gemalt, mal stehen sie dem Maler artig Modell, mal posieren sie in Naturschauspielen und mimen auf entzückende Weise Wildnis. Was Wunder, daß man leicht ins Schwärmen kommt und Lamartine beipflichtet, die Welt der Tiere sei "ein Ozean von Sympathien, von dem wir nur einen Tropfen trinken, während wir davon ganze Sturzbäche aufsaugen könnten".

Manfred Sack