Mehr Frauen als Männer, mehr junge als alte Menschen suchen die Nothilfe

Von Esther Knorr-Anders

Über längere Strecken gleicht die Psyche eines Menschen einem leicht verderblichen (Lebens-)Mittel. Zu diesem Schluß könnte man gelangen, wenn man sich mit einer bestimmten Form entgegengenommener anonymer Beichte, der Telephonseelsorge, befaßt.

Um jedes Mißverständnis auszuschließen: Die Integrität, die Anteilnahme der an dieser Form der Seelsorge haupt- und ehrenamtlich Beteiligten (Tag und Nacht ständig erreichbar) steht außer Zweifel. Wie aber ist es mit den Anrufern? Sind es wirklich immer sozial isolierte Menschen, die sich vor nervlichen Zusammenbrüchen, seelischen Kurzschlüssen, in ausweglosen Krisen, vor dem eventuellen Suizid befinden?

Es gibt Anrufer, deren psychische Selbstregulationsfähigkeit offensichtlich versagt und an diesem Punkt in Abwegigkeit umschlägt. Eine Abwegigkeit, an deren Grenzpunkt nicht nur die Telephonseelsorge, sondern jeder die Seele umsorgende Hilfsdienst unzuständig wird. So zum Beispiel, wenn zu nächtlicher Stünde der Versuch unternommen wird, der Telephonseelsorge Segen zum Ehebruch einzuholen, weil der Anrufer von sich aus nicht begreift oder zu begreifen in der Lage ist, daß dieses Begehren in den Bereich seiner Eigenentscheidung fällt. Sollte bei solchen, ähnlichen und fragwürdigeren Fragen der Telephonseelsorger nicht unverzüglich den Hörer auflegen? Er wird es nicht tun. Es entspräche nicht den Leitlinien, der Schulung und seiner Selbstachtung.

Begonnen hat die Telephonseelsorge in Amerika, „in dem Land, in dem 1846 durch Graham Bell das erste brauchbare Telephon gebaut wurde. In einem New Yorker Hotel verlangte an einem späten Abend des Jahres 1895 eine Dame dringend einen Pfarrer zu sprechen“ (H. Harsch: Theorie und Praxis des beratenden Gesprächs; Chr. Kaiser Verlag). Der Geistliche Harry Warren konnte erst am nächsten Morgen erreicht werden. Er fand die Frau sterbend. Unter dem Eindruck dieses Erlebnisses gründete er die erste Telephonseelsorge und Lebensmüdenbetreuung der Welt.

Anonymität als Schutz