Postminister Kurt Gscheidle steht Ärger ins Haus. Bayerns Wirtschaftsminister Anton Jaumann verlangt eine Neuauflage des im vergangenen Jahr abgeschafften billigen Telephon-Nachttarifs II –Mondscheintarif genannt Und viele Postkunden sind verärgert, weil die Abschaffung des Mondscheintarifs offenbar nicht den von der Post gewünschten Effekt hatte – eine Entzerrung der blockierten Leitungen in den Spitzenzeiten.

Häufig blockierte Leitungen nach 22 Uhr und an den Wochenenden hatten die Bundespost 1980 zu einer Änderung der Gebührenordnung veranlaßt. Bis zum 31. März vergangenen Jahres gab es drei Tarife: die normale Taggebühr, die verbilligte Nachgebühr I zwischen 18 und 22 Uhr und den noch billigeren Mondscheintarif zwischen 22 und 6 Uhr an Werktagen sowie an Wochenenden von Samstag 14 Uhr bis Sonntag 24 Uhr. Die Folgen des günstigen Mondscheintarifs waren häufige Netzblockaden ab 22 Uhr, weil unzählige Fernsprechteilnehmer schlagartig ab 22 Uhr zum Hörer griffen.

Zwei Lösungen des Blockade-Ärgernisses standen zur Debatte: eine Ausweitung der Netzkapazitäten oder eine neue Gebührenstruktur. Da der Netzausbau für den relativ kurzen Zeitraum nach 22 Uhr 15 Milliarden Mark kostet und daher ausgesprochen unwirtschaftlich wäre, entschied die Post sich für den zweiten Weg und beschloß zwei Tarife: den normalen Tagtarif und einen Billigtarif, der werktags von 18 Uhr abends bis 8 Uhr morgens und am Wochenende von Freitagabend bis Montagmorgen gilt.

Die anfänglichen Erfolge bei der Entzerrung der Spitzenzeiten schienen dem Postminister rechtzugeben. Beim Telephon künden ist der von der Post erkennbare Trend zur Entzerrung freilich noch nicht angekommen. Zwar läßt sich neuerdings am späten Abend reibungsloser denn je telephonieren, dafür aber sind neue Staus zu registrieren. Immer häufiger beklagt die Kundschaft blockierte Leitungen zwischen 18 und 20 Uhr. Das Drehen der Wählscheibe wurde ebenso wie das Drücken der Tasten zum Geduldsspiel.

Für die Bundespost kommt dieser neue Ärger freilich nicht ganz unerwartet. Zwar hat man nicht unbedingt damit gerechnet, daß sich nun jeder in der Zeit kurz nach Feierabend und bis zum Beginn des abendlichen Fernsehprogramms ans Telephon hängt, abzusehen war auch nicht der erfolgte Verkehrszuwachs in der Zeit des Billigtarifs, in der inzwischen 46 Prozent aller Gespräche zu registrieren sind, die Engpässe in den Leitungen waren indes in Kauf genommen worden. Die Post wußte nämlich, sie würden nur von kurzer Dauer sein. In diesem Monat wirken sich nämlich jene Investitionen voll aus, die von der Post in den vergangenen Jahren zur Verbesserung ihrer Netzkapazitäten vorgenommen wurden. Die Post schaltet im Laufe des Januars soviel neue Netzleitungen wie nie zuvor. Die Folge: Schon im Februar und März wird sich die Situation in den Spitzenzeiten schlagartig verbessern. Das jedenfalls verspricht die Post. Im Monat Mai werde sich die Lage noch einmal kurzfristig verschlechtern, weil das Telephon in diesem Monat regelmäßig Hochsaison hat. Danach aber soll das Telephonieren zum Billigtarif kaum weniger beschwerlich werden wie am Tag zur Vollgebühr.

Wenn Kurt Gscheidle sich weiteren Ärger ersparen will, muß er seine Versprechungen auch einhalten. Bis zum 1. Juni 1981 muß er dem Bundestag nämlich Erfolg oder Mißerfolg seiner neuen Gebührenaktion melden.

Gscheidle ist sicher, daß er nur Positives berichten kann. Und für die Zukunft glaubt er sich gleichfalls gewappnet, den erwarteten Verkehrszuwachs mit Qualität bedienen zu können. Im laufenden Jahr wird die Post im Fernmeldesektor 1,1 Milliarden Mark investieren und in den folgenden fünf Jahren jährlich 1,25 Milliarden. Wunder freilich mag die Post nicht versprechen. Ministerialdirigent Franz Arnold: „Irgendwo und irgendwann wird es kurzfristig in den Spitzen immer mal einen Engpaß geben.“

Wolfgang Hoffmann