Die Ausstellung „Realismus 1919-1939“ im Centre Pompidou in Paris

Von Günter Metken

Eine erweiterte Sicht ist das Ziel der Ausstellung „Realismus zwischen Revolution und Reaktion, 1919–1939“, die bis zum 20. April im Centre Pompidou zu sehen sein wird. Mit 350 Bildern, Zeichnungen und Plastiken, dazu Photographien, literarischen Einsprengseln und einer großen Architekturschau gehört sie zu den Epochendarstellungen, auf die sich das Pariser Museum seit „Paris–New York“ und vor allem „Paris–Berlin“ spezialisiert hat. Es ist der Vorschlag, die Kunst zwischen den beiden Weltkriegen nun einmal mit italienischen Augen zu sehen.

In Italien, genauer gesagt, im Militärhospital zu Ferrara, hatte sich 1917 in Gesprächen zwischen Giorgio de Chirico, seinem Bruder Alberto Savinio und Carlo Carrà das Ideal einer „metaphysischen“ Malerei herauskristallisiert: einsame, ins Leere fluchtende Plätze, statuenartige Menschen, büstenförmige Porträts. Der gesichts- und gedankenlosen Moderne wurde durch Erinnerung an Antike und Renaissance, kurz: durch Stilwollen begegnet. Es schlug sich seit 1919 in der von Mario Broglio geleiteten Zeitschrift Valori Plastici nieder, die dafür eintrat, wieder an die Tradition anzuknüpfen, das Malhandwerk zu pflegen und die Wandmalereien des Quattrocento zu beachten.

Die Wallfahrten zu Giotto und vor allem zu Piero della Francesca setzten ein, denen sich so verschiedene Künstler wie Diego Rivera, Charles Sheeler und Balthus verpflichtet fühlten. In der Moderne galten Cézanne, Segantini, Puvis de Chavannes, Picasso, Derain und Georges Braque als Vorbilder; auch von Hildebrand und Hans von Marées nahm man dank einem Aufsatz von Theodor Däubler Kenntnis. In dem Deutschen Georg Schrimpf, der Anregungen C. D. Friedrichs und der Romantik verarbeitete, sah man einen Geistesverwandten. Carlo Carrà widmete ihm eine erste, französisch geschriebene Monographie.

Als sich 1923 die Künstlergruppe „Novecento“ bildete, wurde die Rückkehr zur nationalen Tradition und zum altmeisterlichen Metier allgemein und bekam gelegentlich konservative Züge, die bis zum Lippenbekenntnis Mario Sironis zum Faschismus ging. Künstlerisch machte man allerdings keine Zugeständnisse, obschon sich diese vergangenheitsbewußte Kunst des Anfangsbeifalls des Duce erfreut hatte und Wilhelm Worringer 1925 in einem Aufsatz über Carràs Bild Pinie am Meer die zu Mythos und biblischem Gleichnis tendierende Neuklassik mit dem „römischen“ Auftreten Mussolinis in Parallele gesetzt hatte.

In Wirklichkeit war es die zweite Generation der Futuristen, die im Faschismus ihr militantes Ideal fand. Die Maler des „Novecento“ hingegen – wie Funi, Donghi, Cadorin, Marussig – bleiben im Rahmen der „Verträumten Bourgeoisie“, um einen Romantitel von Drieu La Rochelle zu zitieren, auch wenn Die drei Chirurgen von Ubaldo Oppi an Christian Schad und das Ständeporträt der Neuen Sachlichkeit erinnern. Das strenge, einzelgängerische Werk von Felice Casorato in Turin und die magisch kühlen Bilder von Cagnaccio di S. Pietro sowie die großen Terrakotten schlafender, träumender Mädchen von Arturo Martini gehören zu wichtigen Neuentdeckungen in der italienischen Auswahl. Sie ist als das Herz der Ausstellung breit und entdeckungsfreudig ausgefallen und um einen Mittelpatio angeordnet, dessen Bogenstellungen an die Arkaden de Chiricos und Mussolinis Palast der italienischen Kultur auf dem Weltausstellungsgelände für 1942, beides Träume der „romanità“, erinnern.