Ein Neuanfang in Kassel mit Baumgarts „Wahlverwandtschaften“, Nestroys „Höllenangst“ und Shakespeares „Wie es euch gefällt“

Von Benjamin Henrichs

Eine schöne Stadt ist Kassel nicht. Erst, wenn man hinausfährt, hinauf zur Wilhelmshöhe, wenn man im Schloß durch die Säle der Gemäldegalerie geht; wenn man dann weiter hinaufsteigt zum kuriosen Herkules-Monument mit seiner phantastischen Brunnen-, Treppen-, Felsen-Architektur, erst dann wird Kassel, weit weg, tief unten, zu einer bemerkenswerten Stadt. In ihrem Inneren, dort, wo das alltägliche Leben sich abspielt, ist sie von austauschbarer Profanität: eine Einkaufszone, die es an städtebaulichem Zauber mit ähnlichen Einrichtungen in Bochum oder Gelsenkirchen durchaus aufnehmen kann.

Wer in Kassel, um Kassel und um Kassel herumwandert, erlebt zwei Städte, zwei Zeitalter nebeneinander: die Überreste einer pathetischeren Vergangenheit und die Bauwerke einer scheinbar nur banal-geschäftigen Gegenwart. Und man muß kein Vergangenheitsschwärmer sein, der vor jeder Ruine und jedem alten Baum in Rührung gerät, um das alte Kassel auf dem Berg, das Schloß, den Park, die Wasserspiele, als einen Fluchtort zu erleben aus dem neuen Kassel im Tal. Auch ein Triumph des demokratischen Städtebaus: daß er eine falsche Sehnsucht produziert nach alten Zeiten, aristokratischen Lebensweisen.

Ein Staatstheater hat Kassel natürlich auch. Wer dort hingeht, kann zur Zeit ein Stück sehen, in dem man zwei Stücke, zwei Zeitalter nebeneinander erlebt. Reinhard Baumgart, Schriftsteller, Essayist, Kritiker, hat den, wie er vorher wußte, aussichtslosen Versuch unternommen, aus Goethes Roman „Die Wahlverwandtschaften“ ein Theaterstück zu machen. Keine „Dramatisierung“ des Buches – dies wäre, so Baumgart selber, „ein unmögliches Kunststück“, eine Verkleinerung „im Maßstab von, bestenfalls, eins zu zehn“. Sondern ein dramatischer, als Drama getarnter Essay über Goethes Geschichte, Goethes Figuren – einer der vielen Annäherungsversuche Baumgarts an das „vorerst unerschöpfliche“ Buch. Er hat einen Fernsehfilm über die „Wahlverwandtschaften“ gedreht, einen Text geschrieben für die „ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher“ und jetzt also ein Theaterstück. Vor Jahren schon hatte er in einer Umfrage nach dem am meisten unterschätzten Dichter die überraschende Antwort gegeben: Goethe. Ohne Zweifel also sind Baumgarts „Wahlverwandtschaften“ ein närrisches Projekt, ein Werk der Liebe. Sie sind (leider) genauso ein Produkt der Vorsicht, des Kalküls.

Zehn Bilder: vier spielen in einem Salon um 1800, sechs in Szenerien von heute, 1980. Ein Stück mit zwei Gesichtern, ein Doppeldrama: die eine Hälfte erzählt, im Stil eines gebildeten Bilderbogens, einige Stationen aus Goethes Roman nach; die andere ist eine zeitgenössische Variation zu Thema und Figuren.

„Eduard – so nennen wir einen reichen Baron im besten Mannesalter“ – das ist der Anfang von Goethes Roman. Bei Baumgart ist Eduard schon 1800 ein Bürger, der Weinhandel ist seine Profession. Eduards Beruf 1980: Tournee-Schauspieler. Aus Goethes Charlotte, Ehefrau, wird 1980 eine halbwegs Emanzipierte: Margret, Amtsrichterin. Goethes Hauptmann wird Kieferorthopäde in Sindelfingen, aus der rätselhaften Ottilie die nicht weniger merkwürdige Anna, Beruf Heilgymnastin. Wo Goethes Geschichte tödlich endet (für Ottilie und Eduard), da geht sie bei Baumgart irgendwie weiter. An der Liebe stirbt heute keiner mehr, wirklich nicht? Der sogenannte Ehebruch, bei Goethe nur in Wünschen und Träumen vollzogen, findet heute natürlich realiter statt: im Hotelzimmer, unter komischen Asthma-Anfällen des selbst in seinen Ausschweifungen eher kläglichen Ehemannes. Und wo man bei Goethe unendlich behutsam (was heißt unendlich wollüstig) über die Gefühle redet, antwortet man heutzutage auf Liebesgeständnisse etwa so: „o nein, stopp, bitte, hör auf!“