Von den Schein-Ereignissen abgesehen, ist Bonn zum Jahresbeginn noch angenehm still. Aber natürlich müssen die Korrespondenten, auch die aus dem Ausland, das Beste daraus machen. Das liest sich dann zum Beispiel so:

„Die Bonner – Beethoven ist hier geboren – wirken unerschütterlich. Nichts spricht dafür, daß sie Marx, als er Student in Bonn war, bemerkt oder Hitler viel Aufmerksamkeit geschenkt hätten, der häufig das Hotel Dreesen besuchte... Alexander Klieforth, ein ehemaliger US-Diplomat und Offizier der Armee-Einheit, die Bonn im Zweiten Weltkrieg besetzte, hat einmal berichtet, wie eine Artillerie-Stellung in einem Park nahe am Rhein an einem März-Sonntag des Jahres 1945 bezogen worden ist. Als bemerkten sie nicht die Kanonen, bestanden ganze Scharen von Spaziergängern darauf, durch den Park flanieren zu können, wobei sie über die schweren Geschütze fast stolperten. Mr. Klieforth brachte eine Tafel an, auf der stand: „Während des Feuergefechts darf diese Anlage nicht betreten werden.‘ Viel spricht dafür, daß die Nachkommen der Leute, die solche Unruhe damals gar nicht bemerkt haben, heute auch von der Ruhe nicht irritiert werden, die in Bonn herrscht.“

John Vinocour von der New York Times beklagt auch, daß sich immer nur Journalisten, Diplomaten und Politiker träfen, aber ihm fehlt grundsätzlich das bunte Völkchen aus Stewardessen, Fußballspielern, Schriftstellern, Bonvivants, Flaneuren, kurz eine gewisse Schickeria und ein gewisser Schick.

Nun kann man an Bonn sicher Intellekt und Charme, ja überhaupt Hauptstädtisches vermissen. Aber die Stewardessen- und Literaten-Schickeria? Was die New York Times über die Kontinuität im Bewußtsein der Bonner – blind und taub für alles, was um sie herum vorgeht – zu berichten weiß, soll in Wahrheit wohl mehr ein Spiegelbild der gesamten Gesellschaft sein.

Da wünscht man sich einen Moment lang dann doch wieder, daß es in Bonn ein paar alerte PR-Leute, Stewardessen und Semimondäne gäbe, die Korrespondenten zu ihren Partys einladen, damit sie sich wie zu Hause fühlen und sich nicht in den ruhigen Tagen über die Deutschen den Kopf zerbrechen müssen.

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Nun hat die Welt schön zum zweitenmal gemeldet, daß es zwischen Herbert Wehner und Helmut Schmidt kracht – und die SPD dementiert noch immer!