Von Wolfram Runkel

Meran

Viktor Kortschnoi, Vizeschachweltmeister, schluckte den Rest seines Frühstücksbrötchens herunter, starrte uns am Nebentisch im Meraner Hotel Palace einen Augenblick an und fragte traurig: „Hab’ ich die Schuld?“ Der „Schreckliche“, wie ihn viele in der Szene nennen, wirkte wie ein geschlagener Mann. Dabei war er der Sieger. Aber selten wohl hat ein Sieger seinen Sieg so freudlos vermeldet wie Viktor Kortschnoi seinen Erfolg gegen den deutschen Großmeister Robert Hübner.

Eigentlich war sein Sieg schon am Vortag, dem Donnerstag vergangener Woche, beschlossene Sache – ein Geheimnis, das erst am folgenden Freitagabend für die Öffentlichkeit gelüftet werden sollte. Aber Viktor wollte und konnte die unfrohe Botschaft beim Frühstück nicht mehr zurückhalten. Den verdatterten Journalisten raunte er zu: „The match is over.“ Sofort versuchte die herbeigeeilte Petra Leeuwerik, Kortschnois Mädchen für alles – außer Schach –, den Geheimnisverrat als „Viktors Witz“ zu bagatellisieren.

Aber es war kein Witz, es war eher eine klassische Tragödie, wie Hübners Sekundant Vlastimil Hort es später nannte. Es war das Drama vom plötzlichen, aber schon seit Tagen drohenden Zusammenbruch des Robert Hübner, den deutsche Medien und Optimisten schon als künftigen Weltmeister gefeiert hatten. Tatsächlich hätte Hübner nach einem Sieg in diesem auf 16 Partien angelegten Kampf den Weltmeister Karpow ans Brett fordern dürfen. Aber das ist nun irreal geworden. Nur die Hälfte, acht Partien, wurden zu Ende gespielt, sechs gar nicht mehr angefangen, zwei Partien hängen und werden ewig hängen, unvollendete Großmeisterwerke. Als Viktor Kortschnoi am Freitagmorgen das Versteckspiel nicht mehr mitmachen wollte und das Geheimnis preisgab, während gleichzeitig noch Hunderte von Fans aus Südtirol und auch aus Deutschland zu einem Großmeister-Wochenende nach Meran anreisten, da hatte sich der Kandidat schon heimlich, still und leise verzogen. Fuhr im Eilzug in der Frühe seinen Fans sozusagen entgegen, um ihnen zu entfliehen.

Eine ungewöhnliche Situation

Die geheime Flucht nach Seefeld in Tirol war schon am Vortag vorbereitet worden. Kritischen Beobachtern kündigte sich irgendein Unheil an, als am Donnerstag, an dem die beiden Hängepartien Nr. 9 und 10 zu Ende gespielt werden, sollten, der holländische Schiedsrichter Henk Folkers eine Stunde vor Beginn ein time out für Hübner verkündete, eine Auszeit, die nach den Regeln des internationalen Schachverbandes mindestens fünf Stunden, bevor die Schachuhren zu ticken beginnen, angemeldet worden sein muß. Folkers: „Es besteht eine ungewöhnliche Situation.“

Noch ungewöhnlicher war, daß die Kortschnoi-Seite die verspätete Auszeit akzeptiert hatte, obwohl dies dem Hübner-Team drei Tage zusätzlicher Analysierzeit besonders für die verlustverdächtige Stellung in der zehnten Partie bescherte. Zudem hatte Weltmeister Karpow aus Moskau angerufen und die Stellung als schwierig, aber haltbar bezeichnet. Schon wurde gemunkelt, Weltmeister Karpow, der natürlich lieber den lieben Hübner zum Gegner gehabt hätte als seinen Intimfeind Kortschnoi, würde aus der Ferne die Analysearbeit von Hübners Sekundanten unterstützen. Das alles schien, die sonst so sowjetphobistische Mannschaft des Republikflüchtlings Kortschnoi nicht zu erschüttern. Sie wußten: Diese Partien werden von niemandem mehr analysiert – außer den ahnungslosen Fans, die im Kurcafé über den Brettern brüteten.

Die halbe Wahrheit schilderte Schiedsrichter Henk Folkers 26 Stunden später auf einer Pressekonferenz im Turniersaal wie ein Zeuge vor Gericht: „Es war 14.10 Uhr; ich saß in meinem Zimmer und las mit meiner Frau. Es klopfte, Robert Hübner trat ein, teilte mit: „Ich gebe das Match auf. Ich kann nicht mehr Schach spielen.‘ Und lieferte eine entsprechende schriftliche Erklärung.“ Vergeblich versuchte der entsetzte Schiedsrichter, dem Kandidaten seinen Plan auszureden. Schließlich gingen die beiden ein paar Zimmer weiter zu Viktor Kortschnoi, der, nicht minder fassungslos, seinen Gegner beschwor: „Robert, das kannst du doch nicht machen.“ Robert: „Es geht nicht mehr.“

Als seine Überredungskünste nichts fruchteten, bot Kortschnoi ein Gentleman-Agreement an: alle übrigen Partien zum Schein vor der Öffentlichkeit weiterzuspielen und jeweils mit Remis zu beenden, so daß er, Kortschnoi, lediglich mit einem halben Punkt Vorsprung gewänne. Hübner lehnte auch das ab. Worauf Folkers dem verstörten Großmeister das plötzliche time out verordnete: „Damit er sich noch mal alles überlegen könne.“ Folkers setzte sogar die schachnotorische Berührt-Geführt-Regel außer Kraft und wollte dem Unwilligen die schriftliche Aufgabeerklärung wieder aushändigen. Aber Hübner war so wild entschlossen, daß ihn weder seine Sekundanten, noch der Schiedsrichter, noch sein Gegner umstimmen konnten.

  • Resigniert nahm Kortschnoi schließlich Hübners totales Gambit an. Auch ein wenig verbittert war er, als sei er durch eine raffinierte Falle um den echten Sieg betrogen worden. „Hübners Verhalten ist unfair. Sein Abgang aus der Schachszene ist schlimmer als der von Bobby Fischer.“

Tatsächlich scheint Hübner durch seinen Abgang bewirkt zu haben, daß sich ausgerechnet beim „schrecklichen“ Viktor (der mir einmal sagte: „Beim Schach muß man seinen Gegner wie einen persönlichen Feind bekämpfen, sonst spielt man nicht entschlossen genug“) Schuldgefühle eingestellt haben, wie seine bekümmerte Frühstücksfrage „Habe ich die Schuld?“ vermuten läßt.

Aber natürlich hat der Sieger, nicht „die Schuld“, mag auch sein geradliniges, unerbittlich-unwiderstehliches Spiel in den letzten Partien bei Hübner das Gefühl totaler Hoffnungslosigkeit erzeugt haben. Als Schuldige wurden denn auch schnell andere genannt. Die Delegation Hübners, voran Delegationschef Wilfried Hilgert, Hübners Mäzen, sowie Sekundant Hort beschuldigen die Presse, den sensiblen Robert mit ihrem Auftreten und ihren Produkten total verunsichert zu haben. Tatsächlich war die Presse eine Last, von wegelagernden Photographen hinter Sträuchern bis zu alkoholisierten Fernsehreportern an Hübners Skattisch. Und auch die Produkte verstörten den ohnehin pressescheuen Mann. Ein Spiegel-Artikel, der sich hämisch und mit angeblich falschen oder vertraulichen Zitaten über die ganze Schachszene mokierte, nötigte den gestreßten und verletzlichen Großmeister dazu, seine Schachkonzentration mit Richtigstellungen bei dem Nachrichtenmagazin zu stören.

Kortschnoi wiederum entlastete die Presse und meinte, es sei Aufgabe des Delegationsleiters, die Quälgeister und besonders deren Erzeugnisse während des Turniers von den Denkern fernzuhalten. „Hier hat Herr Hilgert versagt.“ Wahr ist, daß während Hübners vorletztem Wettkampf gegen den ungarischen Großmeister Lajos Portisch gerade Hilgert seinen Schützling vor den Querelen des Alltags abgeschirmt hatte. Diesmal zog der lebensfrohe Immobilienmakler Journalisten und andere Interessenten auf sich wie ein attraktiver Köder. Mag sein, daß er gerade dadurch die Meute von seinem Schützling weglocken wollte – was dann jedoch mißlang.

Oder hat der schöne Lorenzetto, ein von Hübner engagierter Heilpraktiker, der den Meister mit Jogging, Massagen und autogenem Training fit halten sollte, sein Hand- und Fußwerk nicht richtig geleistet? Jedenfalls waren es Lorenzettos Hände, die dem Opfer jenen Spiegel- Artikel überreichten, der Robert Hübner während der Analyse der ominösen siebten Partie aus der Fassung brachte.

Bluff mit dem Bauern

Die siebte Partie war schließlich die Schlüsselpartie des Matches. In der Abbruchstellung nach dem 41. Zug stand Hübner nach Kortschnois und seiner Sekundanten Meinung (zum letztenmal) klar auf Gewinn. Kortschnoi-Sekundant Michael Stean: „Wir fanden keinen Weg zur Rettung der Partie.“ Leider aber fand Hübners Team auch nicht den Gewinnweg. Stean: „Schon der 42. Zug Lf2 war falsch. Mit unserem Bluff ‚Bauer a4‘ brachten wir Hübner aus dem Konzept.“ Sei es schlechte Analysierarbeit der Sekundanten, sei es, daß Hübner der Spiegel- Artikel. nicht losließ, sei es, daß Publikums- und Presseandrang im Zuschauerraum ihn nervten, jedenfalls machte er plötzlich jenen katastrophalen Zug, den kaum ein Anfänger macht. Er erlaubte seinem Gegner eine Springergabel auf König und Turm. Kortschnoi: „Er spielte die Hängepartie sehr fahrig. Ich hatte ein Gefühl, daß so etwas Unwahrscheinliches passieren könnte.“

Hübner hatte in dem Match bis dahin sensationellerweise mit einem Punkt geführt. Lag der Patzer wirklich hauptsächlich an der unsensiblen Umwelt? Oder an Hübner selber? Der deutsche Großmeister und Psychosomatiker Helmut Pfleger hat eine spezielle Theorie für das Versagen Hübners in vorteilhaften Stellungen, die in seiner Karriere immer wieder beobachtet wurden. Pfleger hat durch verschiedene Messungen bei Großmeistern während Turnierpartien festgestellt, daß die meisten Spieler, wenn sie langsam in eine Gewinnstellung geraten, ruhiger werden. Puls und Blutdruck sinken. Bei einigen Spielern dagegen, darunter offenbar auch Hübner, steigen Puls und Blutdruck. Sie werden angesichts des bevorstehenden Sieges aufgeregter. Sie bekommen Angst, den langen erkämpften Vorteil wieder zu verlieren. Pfleger: „Ich glaube, Hübner erlaubt sich unbewußt in einer Selbstbestrafungstendenz selber nicht den Sieg.“

Das würde die katastrophale Springergabel bei vorteilhaftem Partie- und Matchstand erklären. Danach stand es 3 1/2 zu 3 1/2. Es war noch alles drin. Warum spielte er die folgenden Partien so schwach, so unkonzentriert, so unkreativ, so phantasielos? Kortschnoi: „Er war nervös. Er zog viel zu schnell, er nutzte seine Zeit gar nicht aus.“ In der neunten und zehnten Partie kam er meist zum Zug kurz auf die Bühne, starrte aufs Brett, zog, verschwand – als wäre jeder Zug eine Qual. Das Spiel war eine schmerzliche Last geworden. Einmal in der Krise, scheinen sein Wille, seine Phantasie gelähmt zu sein. Einem Freund vertraute er an: „Ich lebe jetzt wie in einer permanenten Narkose.“ Um daraus zu erwachen, mußte er wohl tatsächlich total heraus aus dem Match: „Ich kann nicht mehr Schach spielen.“

Der Präsident des italienischen Schachverbandes beschwor die Journalisten, nicht in Hübners Psyche herumzustochern, sondern seinen Zusammenbruch bei einem so stressenden Match einfach mit einem Wadenkrampf bei einem besonders anstrengenden Fußballkampf zu vergleichen: „Auch dann geht es nicht mehr weiter.“ Stimmt nicht: Wadenkrämpfe werden meistens an Ort und Stelle vom Masseur wegmassiert.

Hübner massierte sich seinen Krampf selber weg – durch die Aufgabe. Am Abend vor seiner Flucht saß er mit uns an der Bar, plauderte entspannt. Zum Beispiel über die Geschichte des Schachspiels, über seine Entstehung in Asien und seinen unklaren Weg nach Europa. In der Diskussion mit Journalisten, Sekundanten und Mäzen zeigte er plötzlich wieder Kraft und Kampfeslust.