Auf einmal ist die Schule wieder im Ge-A. sprach. Schlagzeilen, wie sie dem Bildungsbereich schon lange nicht mehr vergönnt waren, machten letzte Woche die Äußerungen von Clemens Christians, dem Präsidenten des Deutschen Lehrerverbandes. Die Schüler leisteten heute weniger als früher, hatte Christians geklagt, obwohl sie keineswegs dümmer seien. Aber sie würden nicht genügend gefordert, denn das „allgemeine Umfeld“ sei nicht leistungsfördernd. „Aus Arbeit“, so sagte der Lehrerfunktionär, dürfe „kein Spaß und aus Freizeit kein Ernst gemacht werden“.

Als Beleg für seine Klage führte Christians, der selber Direktor eines Gymnasiums in Hamm ist, die Erfahrungen seiner Verbandskollegen an. Im Deutschen Lehrerverband sind überwiegend Lehrer weiterführender Schulen vereinigt: rund 110 000. Zwei Beispiele, die Christians auf seiner Pressekonferenz in Bonn vortrug: Im Englischunterricht in Hessen bis zur elften Klasse kämen nur Trivialtexte vor. Seriöse und klassische Literatur lernten die Schüler nicht kennen. In Nordrhein-Westfalen müssen heute die Schüler nach vier Jahren Gymnasium nur noch 3000 englische Wörter beherrschen, früher waren es 4300.

Banale Beispiele? Die Reaktion auf Christians Klage war jedenfalls ebenso heftig wie unterschiedlich.

Etwas verwundert fragte das Hamburger Abendblatt, wie sich denn diese Worte mit der allgemein verbreiteten Sorge über den Schulstreß vereinbaren ließen. Zustimmend hingegen äußerten sich der Deutsche Industrie- und Handelstag sowie die Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände. Auch von ihnen sei der bemängelte Leistungsverfall häufig bemerkt worden. Peter Glotz, noch Wissenschaftssenator in Berlin, wies die Thesen Christians nicht rundheraus zurück, sondern sagte, Leistung bleibe eine „unverzichtbare Kategorie in allen Bildungseinrichtungen“.

Die wohl schärfste Gegenrede aber kam von Wilhelm Ebert, dem Vorsitzenden des Verbandes Bildung und Erziehung, einer konkurrierenden Lehrerorganisation: Zensuren und Konkurrenzmessung seien verheerend und „pädagogisch verderblich“, auch „die Schergen Hitlers und Stalins hatten im allgemeinen respektable Leistungen vorzuweisen“. Schwebt Christians tatsächlich die preußische Drill- und Zuchtanstalt vor, will er eine Paukschule wie jene des gefürchteten Direktors Wulicke, unter dem Themas Manns kleiner Hanno Buddenbrook so schrecklich zu leiden hatte?

Wir haben ihn in seiner Schule angerufen und gefragt, was er mit seiner Warnung bezwecken wolle. Christians bestreitet, daß er ein Anhänger antiquierter Erziehungsideale sei. Und er sagt, die Schule könne und solle durchaus Freude machen. Doch müsse eine „Wende im Bewußtsein“ herbeigeführt werden: Lehrer, Eltern und auch Politiker sollten die Schüler fordern. Seine Sorge sei, daß unser öffentliches Schulsystem an Qualität verliere, während Privatschulen immer attraktiver werden. Ginge das so weiter, dann wären bald gute Schulen nur noch jenen zugänglich, die dafür auch bezahlen könnten.

Wir haben Andreas Flitner, Pädagogik-Professor in Tübingen gebeten, die Diskussion aufzugreifen: Lernen unsere Schüler noch genug? Peter Pedell