München

Eigentlich hatten es mit der flotten Birgit alle gut gemeint. Die Beamten, die sie fürsorglich vor dem Eiswind am winterlichen Gehsteig bewahren wollten, die strengen Jugendschützer, die das wehrlose Wesen vor frechen Sprüchen vorlauter Buben schützen und die netten Polizisten, die Birgit mit ihren roten Haaren und der flotten Kundschaft lieber im Nachbarrevier unterbringen wollten. Birgit, von Beruf ein leichtes Mädchen in München, hat mit all dieser Fürsorge seit dem Neujahrsmorgen ihren geregelten Kummer. Wohnte sie bisher zentral, muß sie nun an den Stadtrand umziehen, denn die neue „Dirnen-Sperrbezirksverordnung“ läßt vermeintlich anständige Nachbarn nicht mehr zu. Prostitution ist nun nur noch im Bahnbereich, in den Isarauen, im Englischen Garten und neben der Justizvollzugsanstalt Stadelheim erlaubt – allesamt recht kühle Gebiete oder solche, in denen die Scheine nicht besonders locker sitzen.

Zwischen 2000 und 3000 Damen jeden Alters werden in München zur ältesten Zunft der Welt gerechnet – für eine Großstadt samt Umland mit zwei Millionen Menschen nur schnöder Durchschnitt. Dennoch wird den Prostituierten das Gewerbe nicht leichtgemacht. Vor fünfzehn Jahren standen sie nach mitten in Schwabing, doch mit der Olympiade, zu der ja alles blitzsauber und sündhaft teuer wurde, lief der horizontale Marathon schon am Stadtrand ab. Bei Lagerhallen oder hinterm Klärwerk.

Die feineren Vertreterinnen der Branche entdeckten indes früh genug die Vorzüge geheizter vier Wände und öffentlicher Kommunikation. Wer sich nicht auf Mundpropaganda oder verschwiegene Adreßbücher seriöser Hotelportiers verlassen wollte, wagte eine Kleinanzeige. In der Münchner Abendzeitung zum Beispiel, die zuletzt fast eine ganze Seite solcher Annoncen druckte. Das sind zwar noch weitaus weniger als im offenbar liebeshungrigen Berlin oder Wien, sie waren aber netter gestaltet. Getreu dem Motto, daß München sich noch immer als „Weltstadt mit Herz“ fühlt, und das Gewerbe, wird es anständig ausgeübt, auch eine Portion Herz erfordert, zierten die Damen ihre Inserate mal mit Herzchen, mal mit fernöstlichem Dekor und gelegentlich auch mit symbolischen Ketten und Geißeln. Was immer, dabei stand, war die Telefonnummer – für die Polizei ein praktisches Mittel, die Adresse zu archivieren.

Nur: Wer neben so einem Etablissement wohnt, den Geschäftsverkehr vor Augen und Ohren hat, wer die schulpflichtige Tochter im Lift mit Kundschaft für nebenan vermutet, der findet das alles nicht so lustig. Bei der Stadt und der Regierung von Oberbayern, bei der Polizei und beim Stadtrat häuften sich die Beschwerden Betroffener. Und deren Zahl nahm zu, seit Münchens Stadtväter vor einem Jahrzehnt die geniale Idee hatten, den Betrieb anrüchiger Häuser – die ohnehin meist in nicht stark bewohnten Gegenden anzutreffen waren – zu verbieten. Die Damen flüchten sich seitdem in Kleinbetriebe in Wohnvierteln, per Anzeige oder Empfehlung zu erreichen.

Jetzt ist auch das vorbei. Ein im Gewerbe einschlägig Aktiver erwog zwar schon, in den Isarauen oder im Englischen Garten – von Generationen von Studenten in lauen Sommernächten längst entweiht – ein riesiges Lustzelt aufzustellen, doch der Plan scheitert an den Heizkosten. Und die Zeitungsschlagzeile, nun gebe es wie im Ausverkauf Sex zum Billigtarif, entpuppte sich bei hartnäckigem Nachfragen als schnöder Reklametrick. Nichts ist mit Skonto oder Teestunden für potentielle Dauerkunden.

„Die Damen werden sich schon einrichten meinte denn auch Polizeisprecher Josef Kistler. In der Tat. Keine einzige zog bisher hinaus in die frische Landluft, denn über Weihnachten, Silvester und Dreikönig ist ohnehin das warme Mombasa am Indischen Ozean für gestreßte Liebesmädchen ein beliebtes Ziel zum Ausspannen. Was auch ein Grund dafür war, daß interessierte Herren aus München auf die gewohnten Anzeigen verzichten mußten.

Und nach der Urlaubssaison an der schneeweißen Sandküste? Münchens Straßenstrich bleibt wie bisher, zumal auch beim Klärwerk neben der Moschee wie eh und je verdient werden darf. Nur mit den Telefonnummern wird’s schwierig. Clevere Clubmanager erwägen schon, Geschenke statt Entgelt einzuführen, was die Gefahr in sich birgt, daß manch ein Geizhals gar nichts schenkt, denn zum Schenken kann niemand gezwungen werden. Wer die Wohnung weiterhin als Absteige benützt, kann vorerst nur wegen Zweckentfremdung von Wohnraum bestraft werden. Drei Prostituierte muckten auf gegen die Obrigkeit: Sie klagen vor dem Verwaltungsgericht gegen die Sperrbezirke, die ihrer Ansicht nach gegen das Rechtsstaatsprinzip verstoßen. Rolf Henkel