Seit einigen Jahren bereits befindet sich der an der Universität von Lyon lehrende, gegenwärtig beurlaubte Literaturprofessor Robert Faurisson auf einem „historischen Kreuzzug“, der ihm zu nationaler Berühmtheit verholfen hat: Faurisson will auf „wissenschaftlicher Basis“ beweisen, daß die Gaskammern der Nazis eine Propagandalüge des internationalen Zionismus seien und Hitler nie die Ausrottung der Juden beabsichtigt habe. Antirassistische Vereinigungen haben ihn seiner Thesen wegen angeklagt: sie seien eine Beleidigung für die Opfer der Kon-Aufschlußreich

Aufschlußreich an der Affäre ist nicht der anstehende Prozeß, sondern die Tatsache, daß Faurissons neustes Buch „Memoire de défense“, in dem er seine absurde Theorie ausbaut, mit einem Vorwort des berühmten, für seine militante linke Haltung bekannten amerikanischen Linguisten Noam Chomsky erschienen ist. Dieser Beitrag zum Geleit, der nicht ohne Grund als geistige Bürgschaft interpretiert wird, hat dem Skandal eine internationale Dimension verliehen und in den USA sowie einigen europäischen Ländern Empörung verursacht. Auch der PEN-Club hat scharf gegen Chomsky, der selber Jude ist, Stellung bezogen.

Noam Chomsky wehrt sich gegen den Verdacht, er wolle neo-nazistischen Umtrieben intellektuelle Schützenhilfe leisten; er erinnerte an Voltaire, der für die Meinungsfreiheit auch Andersdenkender gekämpft habe. Um diese in Frankreich gefährdeten „droits civiques“ (Bürgerrechte) gehe es ihm und um sonst nichts. In Libération begründete er die „Nazi-Nähe“, in die man ihn nun rücke, mit der unbewältigten Vergangenheit der Franzosen, die zu einem „Schuldkomplex“ geführt habe: „Sie haben die Besatzung und die Kollaboration nie verarbeitet.“ In einem Rundumschlag wirft er den französischen Intellektuellen „Verachtung der Fakten“ und „Irrationalismus“ vor. Das jedoch trifft auf Chomsky selbst zu. Er hat nämlich das Vorwort geschrieben, ohne Faurissons Buch gelesen zu haben, und auch jetzt noch hält er dessen Umgang mit der Wahrheit für ein sekundäres Problem: „Ich kenne seine Arbeit nicht genügend, um sagen zu können, ob Faurissons Behauptungen stimmen oder nicht.“

Bis hierher vermag man Noam Chomsky, wenn auch mit schweren Vorbehalten, zu folgen. Er schreibt: „Man bremst die Renaissance des Nazitums nicht, indem man seinen Anhängern das Recht auf die freie Meiniung nimmt“ – gewiß, aber hier vergißt er, daß Faurissons Text in Frankreich legal erscheinen konnte. Erst Chomskys Vorwort hat das verlogene, geschichtsfälschende Machwerk international ins Gerede gebracht. Er, der sich unvermittelt im Zentrum einer Debatte, „die mich nicht wirklich angeht“, sieht, meint nun plötzlich, Faurissons Behauptungen seien politisch harmlos, unverbindlich. Chomsky: „Faurisson trägt nicht zur Renaissance des Antisemitismus bei. Ideen sind nicht als solche gefährlich, sondern einzig wegen der sozialen Realitäten.“ Das führt ihn schließlich zum Eingeständnis, er hätte sogar für „Mein Kampf“ durchaus ein Vorwort beigesteuert – schließlich habe „Hitlers Buch auf die Entwicklung des Nazitums keinerlei Einfluß ausgeübt“. Für einen militanten, politisch orientierten Intellektuellen, der sich immer wieder engagiert, mutig gegen unhaltbare Zustände protestiert hat, kommt dies einer totalen Bankrotterklärung gleich.

Das Buch des Rechtsextremisten Faurisson erscheint pikanterweise im Verlag „La Vieille Taupe“, der sich seit 1965 durch eine radikal linke Orientierung einen Namen gemacht hat und bei dem heute der Bruder des ehemaligen Studentenführers Daniel Cohn-Bendit aktiv mitarbeitet. Nur diese Reputation hat überhaupt die bestehenden Kontakte zu dem amerikanischen Linguisten fruchtbar machen können. Im Zusammenhang mit dem Neo-Nazi Faurisson und dessen Weißwäscherei des nazistischen Horrors muß man unweigerlich an Chomskys positive Äußerungen über das kambodschanische Pol-Pot-Regime denken. Diese Wahlverwandtschaft der ideologischen Extreme ist nun allerdings kein Zufall und keine ausschließliche Sache der Mentalität – sie hat tatsächlich System. Davon zeugt nur schon die Etikette „Materialismus“, mit der die „Vieille-Taupe“-Dialektiker Faurissons „historische Aufarbeitung“ lancieren.

Es geht um mehr. Bereits frühere Anzeichen ließen erahnen, daß verschiedene Splittergruppen der Ultralinken die „revolutionäre Sprengkraft“ und politische Opportunität nazistischer Thesen erkannt haben. Zudem haben sich die Faschismustheorien des Marxismus als unzulänglich erwiesen; unter dem Vorwand, es gehe um die Abschaffung des Staats und der Lohnabhängigkeit haben nun ehemalige Anarchisten, Situationisten und libertäre Marxisten die Thesen des „historischen Materialisten“ Faurisson übernommen. Dieser Prozeß verläuft nach dem bekannten Schema der Verdrängung: Der Marxismus vermag die Gaskammern nicht zu erklären – deshalb darf es, wenn der Marxismus glaubwürdig bleiben soll, nie Konzentrationslager gegeben haben.

Unter dem Deckmantel des „Antifaschismus“ sind noch in jüngster Vergangenheit schlimmste Greuel und Völkermorde stillschweigend hingenommen worden. Deshalb übt das Argument, es gelte nun, Anti-Antifaschist zu sein, eine unbestreitbare Faszination aus – Anti-Antifaschisten waren in gewisser Hinsicht aber auch die Nazis. Diese „Einsichten“ sind in der gegenwärtigen Diskussion nicht zu überhören. Nicht zuletzt hat ein gewisser Zweig der neo-philosophischen Totalitarismuskritik unbewußt und ungewollt die Auffassung erzeugt, daß das nazistische System vielleicht ein bißchen monströser, in seiner Essenz aber nicht grundsätzlich anders als jedes andere war.