Die "Bild-Zeitung" hat vor dem Bundesgerichtshof eine Schlappe erlitten: Der Schriftsteller Günter Wallraff durfte Mißstände in der "Bild"-Redaktion kritisieren, obwohl er die Informationen nur durch einen Vertrauensbruch erlangt hatte.

In dem jahrelangen Rechtsstreit zwischen dem Kölner Schriftstellen und seinem Kölner einerseits und dem Axel-Springer-Verlag andererseits, den jetzt das Grundsatzurteil aus Karlsruhe beendete, ging es um das 1977 erschienene Buch "Der Aufmacher – Der Mann, der bei Bild Hans Esser war", das bei druckt wurde. Wallraff hatte sich unter falschem Namen beim Bild-Büro Hannover als Reporter eingeschlichen, sechs Monate unentdeckt gearbeitet und hernach über seine Erfahrungen ein Buch geschrieben. Autor wie Verlag beriefen sich auf das Recht der Meinungsfreiheit.

Zwar hat das oberste Gericht Wallraffs Methode als illegal und anstößig mißbilligt, ihm iedoch zugute gehalten, daß durch die von ihm angeprangerten "gewichtigen Mißstände" in der Redaktion des Massenblattes die Rechtsordnung insgesamt stärker betroffen werde als durch die ungesetzliche Informationsbeschaffung. Wallraff habe Fehlentwicklungen eines Journalismus aufgezeigt, an deren Erörterung die Allgemeinheit im hohen Maß interessiert sei. Er darf ungehindert über den Ablauf einer Redaktionskonferenz berichten und das Faksimile eines stark redigierten Manuskripts abdrucken.

Bild will gegen das Urteil Beschwerde beim Bundesverfassungsgericht einlegen. kj.