"Standphotos" – Rolf Dieter Brinkmanns Gedichte 1962 bis 1970

Von Ulrich Greiner

Literatur gefällt mir am besten, wenn sie nicht nur Literatur ist. Aus den unreinen Formen, aus den regelwidrigen Vermischungen erst leuchtet das irisierende und fahle Licht neuer Erfahrung. Urs Jaeggi hat auf dem letzten Schriftstellerkongreß in München die Vermutung geäußert, wir begingen einen schweren Fehler, wenn wir nur auf das ästhetisch Geglückte setzten. Was den Normen genügt, ist meist schon normiert. Das sogenannte "Schlechtgeschriebene" ist oft aufregender als das Gut-, geschriebene. Uns interessiert ja nicht das "gute Buch", sondern das, was drinsteht, ob es sich "Literatur" nennen darf oder nicht.

Rolf Dieter Brinkmann, der 1975 in London von einem Auto überfahren wurde, gehörte zu jenen Autoren, die ein tiefes Mißtrauen gegen "Literatur" hegen. Die nach seinem Tod publizierten Bücher, der Tagebuchroman "Rom, Blicke" (1979) und die 1980 erschienene Gesamtausgabe der Gedichte 1962 bis 1970, riefen denn auch verschiedentlich die Reinlichkeitsapostel auf den Plan. Den Tagebüchern warf man ideologisches Abweichlertum vor, den Gedichten, sie seien ein verstaubtes Relikt der Pop-Kultur, sprachlose Zeugnisse einer Selbstzerstörung. Manche Rezensenten, scheint mir, übten späte Rache an einem, der sich sowohl dem Literaturbetrieb als auch ästhetischen Parolen immer verweigerte.

Im Vorwort zu seinem Gedichtband "Die Piloten" (1968) spottete Brinkmann über die "berufsmäßigen Ästheten und Dichterprofis und schrieb: "Gibt es etwas, was gespenstischer wäre als dieser deutsche Kulturbetrieb mit dem fortwährenden Ruf nach Stil etc.?... Man muß vergessen, daß es so etwas wie Kunst gibt!" Man kann es beim Lesen dieser Gedichte tatsächlich vergessen. Sie haben keinen Kunstanspruch, sie schiefen nicht nach höheren Weihen, sie pochennicht auf Bedeutung. Eines seiner frühesten Gedichte lautet: "Zwischen / den Zeilen / steht nichts / geschrieben. / Jedes Wort / ist schwarz / auf weiß / nachprüfbar."

Was in den Zeilen steht, ist oft von provozierender Banalität, wie etwa das Gedicht "Photographie": "Mitten / auf der Straße / die Frau / in dem / blauen / Mantel." Weiter läßt sich der Vorgang des Schreibens kaum reduzieren. Was bleibt, ist weniger als die pure Wahrnehmung, die ja immer Zusammenhänge herstellt und das zugleich Wahrgenommene zu einem Bild ordnet. In der Sekundenschnelle des Augenblicks erschlägt das Blau des Mantels alles andere. Der Schnappschuß stoppt den Wahrnehmungsvorgang ruckartig, die Zeit bleibt stehen: ein monochromes Bild. Es ist, als hielte man einen Videorecorder an: aus dem Zusammenhang des Films gerissen werden die Gegenstände und Figuren plötzlich fremd. Brinkmanns Standphotos allerdings, sind heller, unbarmherziger ausgeleuchtet. Alltägliche Situationen erstarren zu rätselhaften und zugleich bedeutungslosen Bildern. Brinkmanns Gedichte sind Zeitzerhacker.

Natürlich läßt sich einwenden: Das kann ich auch, das ist keine Kunst. Kunst ist es nicht, aber Training, eine sprachliche Verlangsamungsübung (die uns allen guttäte). Nun ist es einleuchtend, daß man mit dem Vorsatz, keine Gedichte zu schreiben, nicht lange Gedichte schreiben kann. Das Verfahren ist anstrengend, aber unendlich reproduzierbar. Brinkmann bleibt da nicht stehen. Am Ende seines Protests gegen die Literatur kommt wieder Literatur heraus. Wie auch anders? Aber dieser Literatur fehlt jeder poetische Speck. Sie gewinnt durch die Reduktion eine neue Aufmerksamkeit, Wachheit. "Man muß ganz leer sein, um das von neuem zu begreifen und / schließlich dorthin zu gelangen, / wo alles wieder interessant wird", schreibt Brinkmann in dem Gedicht "Weit entfernte Sachen".