Oft denke ich, wie erfreulich das Leben doch für den ersten Menschen gewesen sein muß, denn er glaubte an einen mächtigen, gütigen Schöpfer, der sich um alles kümmerte. Man stelle sich seine Enttäuschung vor, als er sah, daß seine Frau Fett ansetzte. Der Mensch von heute hat natürlich keinen solchen Seelenfrieden. Er befindet sich mitten in einer Glaubenskrise. Er ist, wie wir das modisch nennen, „entfremdet“. Er hat die verheerenden Auswirkungen des Krieges gesehen, er hat Naturkatastrophen erlebt, er ist in Singlebars gewesen. Mein guter Freund Jacques Monod sprach oft von der Zufälligkeit des Kosmos. Er glaubte, alles im Leben ereigne sich durch puren Zufall, abgesehen möglicherweise von seinem Frühstück, von dem er das sichere Gefühl hatte, seine Wirtin mache es.

Woody Allen, „Meine Ansprache an die Schulabgänger“

Die meisten der sechzehn Texte in Woody Aliens dritter Geschichtensammlung „Side Effects“ (die bald unter dem Titel „Nebenwirkungen“ bei Rogner & Bernhard erscheinen wird) sind nach einem vertrauten Muster konstruiert. Ihre komische Wirkung entsteht aus dem unvermittelten Nebeneinander von vergrübelter philosophischer Spekulation und trivialsten Details aus dem großstädtischen Alltag. Woody schlüpft in viele Rollen, auch in die eines mondänen Restaurantkritikers namens Fabian Plotnick: „Als Dessert hatten wir Tortoni, und ich wurde an Leibniz’ bemerkenswerten Ausspruch erinnert: ‚Die Monaden haben keine Fenster.‘ Wie passend! Die Preise im ‚Fabrizio’s‘ sind, wie Hannah Arendt mir einmal sagte, ‚vernünftig, ohne historisch unvermeidbar zu sein.‘ Dem stimme ich zu.“

Diesen Woody Allen kennen wir: den intellektuellen jüdischen Schlemihl, der viele Stile beherrscht, dessen satirische Vignetten mit graziöser Schärfe zeitgenössiches Denken und modische Albernheiten verspotten. Ein kluger Clown schlägt kluge Purzelbäume. Sein Sinn für das Absurde stiftet ihn zu makabren Pointen an: „Nadelmann hatte sich beständig damit herumgeplagt, wie er beigesetzt werden wolle, und hatte einmal zu mir gesagt: ‚Ich ziehe die Feuerbestattung der Erdbestattung entschieden vor, und beides einem Wochenende mit Frau Nadelmann.‘“

Wenn man sich schon eingerichtet hat bei der Vorführung des Üblichen (der gewohnten beiläufigen Brillanz), stößt man auf eine befremdliche Geschichte mit dem Titel „The Shallowest Man“ („Der oberflächlichste Mensch, der mir je begegnet ist“). Die ist überhaupt nicht komisch: keine Kollektion von ausgetüftelten Gags, sondern die Beschreibung eines Todesfalles. Meyer Iskowitz, Mitglied einer New Yorker Pokerrunde, 44 Jahre alt, liegt im Sterben. Lymphknotenkrebs, nichts mehr zu machen. Die Spielkumpane besuchen ihn im Krankenhaus. Nur Lenny Mendel mag nicht gehen, von dem man wenig mehr erfährt, als daß er irgendwie mit dem Fernsehen zu tun hat: „Er war nicht religiös und kein Held und kein Stoiker, und in seinem täglichen Leben wollte er von Beerdigungen oder Krankenhäusern oder Sterbezimmern nichts hören. Wenn auf der Straße ein Leichenwagen vorbeifuhr, konnte ihm das Bild noch Stunden nachgehen. Nun stellte er sich Iskowitzens dahinsiechende Gestalt und sich selber vor, wie er verlegen versuchte, Witze zu reißen oder Konversation zu machen.“

Als Iskowitz nach zweieinhalb Wochen immer noch nicht gestorben ist und Lenny Mendel partout keine Ausreden mehr einfallen, kommt es doch noch zu einem Besuch. Der verläuft anders – als geplant. Kurz vor dem Ende der Besuchszeit, nach einem quälenden, dahintröpfelnden Gespräch, tritt Miss Hill auf, Iskowitzens hinreißende 24jährige blonde Krankenschwester. Mendel verliebt sich rettungslos. Von nun an kommt er täglich ans Sterbebett, immer in der Hoffnung, mehr über das Fabelwesen zu erfahren: „Der Kranke konnte sein Glück nicht fassen, so einen treuergebenen Freund zu haben. Mendel brachte immer ein ansehnliches und wohlüberlegtes Geschenk mit. Eines, das ihm helfen würde, in Miss Hills Augen Eindruck zu schinden. Hübsche Blumen, eine Tolstoi-Biographie (er hörte sie erwähnen, wie sehr sie ‚Anna Karenina‘ mochte), die Gedichte Wordsworths, Kaviar. Iskowitz war verblüfft über diese Auswahl. Er haßte Kaviar und hatte noch nie etwas von Wordsworth gehört. Mendel konnte sich gerade noch zurückhalten, Iskowitz ein Paar antike Ohrringe mitzubringen, obgleich er welche gesehen hatte, von denen er wußte, Miss Hill würde von ihnen schwärmen.“

Schließlich stirbt Iskowitz, von Mendels Teilnahme bis zum letzten Atemzug gerührt. Zwei Wochen später beginnt sich Mendel mit Miss Hill zu verabreden: „Sie hatten eine Affäre, die ein Jahr dauerte, und dann gingen sie ihrer Wege.“ So banal geht eine zwielichtige Leidenschaft zugrunde. Mendels Rolle in der Geschichte „The Shallowest Man“ bleibt vieldeutig. Eine Art von Liebe hilft ihm, seine Furcht vor der Nähe des Todes zu überwinden (vielleicht ist das ja schon heroisch), sein heimlicher Egoismus tröstet immerhin einen Sterbenden.