und "Bullerei"

Göttingen

Für seine Kollegen von der Lokalpresse ist Göttingens Piratensender Radio Pflasterstein schon lange enttarnt. Es handle sich dabei, so wurde in der Silvesterausgabe des Göttinger Tageblatts gemutmaßt, um einen bislang geheimen Versuch der Landesregierung, "die Chancen privaten Rundfunks im südniedersächsischen Raum zu testen". Demnächst sei vorgesehen, "das Programm mit Werbespots für lila Latzhosen und Makrobiotika zu bereichern".

Derartige Witzeleien werden von Göttingens Stadtverwaltung und der Staatsanwaltschaft aber nur noch unter süßsaurem Lächeln goutiert. Für sie ist der Sender ein illegales Propagandainstrument der Häuserkämpferszene, mit dem "in offener und versteckter Form zur Begehung von Straftaten aufgefordert wird und begangene Straftaten gutgeheißen werden". So stand es jedenfalls in der Mitte Januar erlassenen Räumungsverfügung gegen die jugendlichen "Hausinstand-Besetzer", die sich seit dem 12. Dezember in zwei schon längere Zeit leerstehenden Gebäuden der Göttinger Innenstadt eingenistet haben. In einem der beiden Häuser, so glauben die Stadtoberen, sei auch der Sender versteckt.

Radio Pflasterstein existierte freilich schon vor der Besetzung und wird wohl auch die in Kürze erwartete Räumung überleben. Seit Anfang November funkt er seine "revolutionären Wellen" auf UKW, 102 Megahertz, in den Äther, jeden Sonnabend und inzwischen auch Mittwoch um 19.30 Uhr. Zwar kamen einige Sendungen tatsächlich live aus einem der besetzten Häuser, doch sind die Funkpiraten zu gewitzt, um sich von den Peilwagen der Post ("Die gelbe Gefahr") so einfach enttarnen zu lassen. Da ein einzelner Sender ziemlich schnell zu orten ist, werden eben mehrere mobile Stationen über das ganze Stadtgebiet verteilt, die jeweils nur wenige Minuten in Betrieb sind. Dadurch war sogar schon eine Sendedauer von über einer Stunde möglich.

Die Vorsicht ist wohl angebracht, denn allein schon ihr Verstoß gegen das Fernmeldeanlagengesetz kann den Privatfunkern fünf Jahre Gefängnis einbringen. Die zehn Redakteure von Radio Pflasterstein, überwiegend Studenten, Auszubildende und Arbeitslose, fühlen sich davor aber kaum bedroht, denn schließlich, so wird mit Unschuldsmiene erklärt, bespiele man ja lediglich Cassetten, und dies könne ja niemandem verwehrt werden. Die eigentliche Technikergruppe sei von den Programmachern streng getrennt und nur einem einzigen Redaktionsmitglied bekannt. Die Idee dieses illegalen Stadtsenders stammt zwar aus dem Kreis der Göttinger Häuserkämpfer, doch soll er nicht nur Sprachrohr einer einzelnen Initiative sein. Das Ziel ist wieder einmal die oft diskutierte Utopie einer basisnahen Gegenöffentlichkeit, ein "Betroffenensender" für alle linken Gruppen, die in den bürgerlichen Medien nicht zu Wort kommen.

Am Programm darf grundsätzlich jeder mitarbeiten, der sich berufen fühlt als "Volksreporter" aus seinem persönlichen Lebensbereich zu berichten. Ob es nun Kernkraftgegner, Frauengruppen, Schwule oder Politzirkel sind – ihnen allen soll eine Möglichkeit zur Selbstdarstellung gegeben werden.