Ein „Solarbecken“ in der Wüste am Toten Meer beliefert Israel mit Elektrizität

Hätte Moses sich im gleichen Umfang mit Volkswirtschaft wie mit dem Monotheismus befaßt, hätte er die Kinder Israels wohl kaum ins Land Kanaan geführt. Denn das Gelobte Land ist von der Natur mit so gut wie gar keinen Naturschätzen ausgestattet worden. Mit dem Bild vom „Land, in dem Milch und Honig fließen“, wie es im Alten Testament heißt, läßt sich dies nur auf den ersten Blick nicht vereinbaren. Denn die Bibel hat doch recht: Milch und Honig sind die Erzeugnisse von Nomaden und nicht die von gut etablierten Landwirten. Mark Twain schrieb einst, das Gelobte Land sei das häßlichste, traurigste und ärmste, das man sich vorstellen kann. Nur Felsen, Sand, Sümpfe und eine brennende Sonne gebe es im Überfluß.

Sonne ist allerdings inzwischen doch zu einem Rohstoff geworden, nachdem für ein Barrel Erdöl bis zu 41 Dollar gezahlt werden müssen, das schien jedenfalls manchem Israeli so, als Energieminister Yitzchak Modai vor einem Jahr am Toten Meer per Schalterdruck die dunkle Nacht mit einem Lichtstrahl erhellte Die dazu notwendigen 150 Kilowatt Strom kamen nämlich aus einem „Solarbecken“. Inzwischen wurde bereits mit dem Bau eines Beckens begonnen, das einen Quadratkilometer groß werden und in etwa zwei Jahren fünf Megawatt Strom erzeugen soll. Sobald es voll in Betrieb ist, beginnt der Bau einer Anlage mit einer Leistung von zwanzig Megawatt. Und bis zum Ende dieses Jahrhunderts sollen insgesamt zweitausend Megawatt erzeugt werden – soviel wie heute in Israel insgesamt verbraucht wird. In der Endstufe würden dann fast drei Millionen Tonnen Erdöl eingespart, vierzig Prozent des Ölverbrauchs von Israel.

Wissenschaftler begannen zwar schon in den fünfziger Jahren mit Laborversuchen zur Erzeugung von Wärme und Strom aus Solarbecken, doch da es an öffentlichem Interesse und an finanzieller Unterstützung mangelte, wären die Bemühungen wohl ganz eingeschlafen, wäre 1954 nicht Harry Tabor, ein Physiker im nationalen Wissenschaftsrat, zum damaligen Ministerpräsidenten Ben Gurion gegangen. Der hörte sich den Bericht interessiert an und versprach, für die Finanzierung der Versuche zu sorgen. Weitere Mittel flossen aus dem Rothschild-Fonds zu. Doch 1966 mußten die Versuche wegen völliger Erschöpfung der Mittel dann doch eingestellt werden. David Ben Gurion hatte sich in der Zwischenzeit in seinen Kibbuz Sde Boker zurückgezogen, und weder Ministerien noch die staatlichen Elektrizitätswerke wollten etwas von Stromerzeugung durch die Sonne wissen. Bei einem Preis von zwei Dollar je Barrel Erdöl erschien niemandem ein solches Projekt interessant.

Obgleich keine offizielle Stelle etwas von dem Solarbecken wissen wollte, entwickelte der Ingenieur Yehuda Bronicki eine Turbine, die nicht wie die üblichen mit überhitztem Dampf, sondern mit Wasser von 90 Grad Celsius betrieben werden kann – also auch mit von der Sonne erwärmtem Wasser aus Solarbecken.

Als dann nicht nur der Ölpreis, sondern auch die Macht der Araber in beängstigendem Maße stiegen, nahm plötzlich auch das Interesse der Behörden an den Arbeiten von Tabor und Bronicki zu. Das Ministerium für Handel und Industrie erhob die Solarbecken zu einem „Projekt von nationaler Bedeutung“, was die Finanzierung von achtzig Prozent der Aufwendungen durch den Staat sicherstellte. Hinzu kam eine Starthilfe von vier Millionen Dollar.

An der Mittelmeerküste wurde ein Becken von 1500 Quadratmetern ausgehoben. Als erstes mußte das Konvektionsproblem gelöst werden: Sonnenstrahlen, die auf eine Wasserfläche auftreffen, erwärmen zwar die oberen Schichten, diese Wärme läßt sich aber nicht speichern, denn warmes Wasser bleibt an der Oberfläche, weil es ein niedrigeres Gewicht hat als kaltes. Die Forscher experimentierten deshalb mit Salzwasser von verschiedenen Konzentrationen in den verschiedenen Wasserschichten. So werde das Gewicht des erwärmten Wassers erhöht und Konvektion verhindert. Auf diese Weise konnten sie im untersten Teil des Beckens Wasser mit 96 Grad Celsius speichern. Das reicht aus, um die „Ormat“-Turbine zu betrieben.