Vor zwei Wochen hat Andrzej Wajda mit den Dreharbeiten seines neuen Films „Der Mann aus Eisen“ begonnen. Der soll dort weitergehen, wo 1976 die labyrinthische Recherche nach dem „Mann aus Marmor“ endete: auf der Werft von Danzig, wo Birkut, der verfemte Held der Arbeit, Anfang der siebziger Jahre aufgetaucht war und wohl auch zu Tode kam – bei jener blutig zerschlagenen Arbeiter-Erhebung, deren Opfer im polnischen Herbst der „Solidarität“ doch noch ein Denkmal und eine Feier bekamen.

„Der Mann aus Eisen“ ist Birkuts Sohn. Die Enquete geht weiter, zum erstenmal in einem anderen Polen, im gefährlichen Jahr 1 nach Lech Walesa. Wajda, der auch im letzten Herbst nach Danzig fuhr, mischt sich weiter ein. „Der Mann aus Eisen“ wird neue Fragen stellen.

Bequemlichkeiten hat sich Andrzej Wajda nie gestattet. Seine Helden litten immer an Polen, starben an polnischen Verhältnissen: heroische Verlierer oft in den mythischen Fresken aus der polnischen Vergangenheit. Aber Trauerarbeit lastet Wajda nicht nur in seinen historischen Filmen (von „Asche und Diamant“ bis zum „Gelobten Land“), sondern auch in den Beschreibungen polnischer Gegenwart. Noch „Der Dirigent“ (1979), der nach einer langen, ruhmreichen Karriere im Ausland als alter Mann zu einem Jubiläumskonzert in seinen Heimatort zurückkehrt, geht an den Ränken der Kulturbürokratie zugrunde. Dennoch ein elegisches, fast friedliches Ende. Der Dirigent Jan Lasocki, dargestellt von Sir John Gielgud, erlebt vor seinem Tod die lange Schlange von Menschen, die nach Karten für sein Konzert anstehen.

Ein so schöner Abschied wird dem abgehalfterten Star-Reporter Jerzy Michalowski in „Ohne Betäubung“ (im November 1978 in Warschau uraufgeführt, erst jetzt von der Arbeitsgemeinschaft Kino bei uns herausgebracht) nicht zuteil. Der fliegt, ganz ohne Feierlichkeit, mit einem defekten Gasofen in die Luft. Es bleibt offen, ob es wirklich ein Unfall war. Selbstmord kommt durchaus in Frage in diesem pessimistischsten aller Wajda-Filme.

Ganz allmählich verliert Jerzy Michalowski den Boden unter den Füßen. In der ersten Sequenz sehen wir ihn noch lässig, witzig und weltläufig in einer Fernsehsendung über seine Abenteuer als Reporter plaudern: ein abgeklärter Profi in mittleren Jahren, der mit Fidel Castro nach Havanna einzog, der in Chile das Ende der Volksfrontregierung Allende miterlebte, der von allen Krisen-Schauplätzen der Dritten Welt berichtet hat.

Doch da glimmt die Lunte schon. Während die vor Monaten bereits aufgezeichnete Sendung läuft, landet Michalowski auf dem Flughafen von Warschau. Seine Frau empfängt ihn kühl, eröffnet ihm auf der Heimfahrt, daß sie ihn verlassen hat. In die Fernseh-Bilder des Erfolges drängen sich unvermittelt die realen Bilder einer privaten Niederlage. Michalowski, der ewige Reisende, scheint den Kontakt zum polnischen Alltag verloren zu haben. Auch in der Redaktion begrüßt man ihn kühler als gewöhnlich. Seinen nächsten Auftrag soll ein anderer übernehmen, er bekommt seine ausländischen Zeitungen nicht mehr (Newsweek und stern), sein Lehrauftrag an der Universität ist auf seltsame Weise gestrichen worden.

Den tiefen Fall des Jerzy Michalowski beschreibt Wajda als eine Kette unverständlich bleibender Demütigungen. Weder der Reporter noch der Zuschauer begreifen die Hintergründe des Sturzes. Ein ganz gewöhnlicher Vorgang: einer wird geschubst, gerät ins Stolpern, findet das Gleichgewicht nicht wieder, wehrt sich noch, ahnt schon das Unvermeidliche, in das er sich schließlich schickt, zermürbt und zerstört. Michalowski immerhin will seinen doppelten Untergang (den privaten und den beruflichen) ohne Betäubung erleben. Bei der befreundeten Zahnärztin, die zwischen ihm und seiner inzwischen mit einem jüngeren Rivalen aus der Zeitung liierten Frau vermitteln soll, läßt er sich keine Narkose aufdrängen. Und sinkt ohnmächtig vom Behandlungsstuhl.

Opportunisten, Drahtzieher, Karrieremacher, Feiglinge: Wajda bevölkert seinen Film mit durchschnittlichen Typen aus dem staatlichen Medien-Betrieb. Michalowski, der selber alles andere als eine Lichtgestalt ist, dessen Souveränität bisweilen auch eine gewisse Gefühlsarmut verbirgt, paßt nicht in diesen Zoo der Angepaßten. Das scheint sein einziges Vergehen zu sein.

„Ohne Betäubung“ ist ein gespenstischer Film, zugleich der kunstloseste, den Wajda je gemacht hat. Die Kamera führt er wie ein indiskreter Fernsehreporter: viele Großaufnahmen, simple Schuß-Gegenschuß-Schnitte, flaches, kaltes Licht, kalkulierte Flüchtigkeiten mit der Handkamera. So gibt es keine sentimentale Passionsgeschichte zu sehen, sondern ein brutales Protokoll, sehr direkt, ohne Umschweife und auch für den Zuschauer „ohne Betäubung“.

Knapp zwei Jahre nach der Premiere dieses Films stürzten in Polen auch die Medienfunktionäre. „Ohne Betäubung“ ist ein Film vor der Revolution. Aber Wajdas kalte Wut sehnt diese Änderung schon herbei. Hans C. Blumenberg