Die ökonomische Lage zur Zeit: Die Welt hat eine Auflage von fast 204 000 Exemplaren am Durchschnittstag (knapp 109 000 weniger als die FAZ) und ein Jahresdefizit von mindestens 30 Millionen Mark, worum Peter Boenisch, vielleicht ein bißchen zu selbstsicher in einem Vorlag, der es gewohnt ist, schier unter einem Niagarafall von Gewinn zu duschen, sich nicht weiter schert. Er setzt auf Ruf, Ansehen, Reputation, oder wie immer man es nennen mag.

Er hatte, wie so viele Journalisten seiner Generation – er ist Jahrgang 1927 –, seinen Beruf nicht ergriffen. Er war in ihn hineingeschlittert, als Student in Berlin, der sich ganz kurz an Jura und nicht viel länger an Slawistik versuchte. Weil er seine Eltern – deutscher Vater, wohlhabend und nach 1933 deutscher russische Mutter – unterstützen und sich mit ihnen in Hungerjahren oberhalb des Kalorienmindestpegels halten wollte, schrieb er zunächst als Lokal- und Sportreporter für die amerikanische Zeitung in Berlin, die anfangs Allgemeine Zeitung und dann Neue Zeitung hieß. Als Honorar waren Care-Pakete wichtiger als die inflationierte Reichsmark. Seine „journalistischen Lehrer“ waren unter anderem Hans Wallenberg und Margaret Higgins. Bessere gab’s damals nicht. Es folgte eine Karriere, in der Legendäres vom Tatsächlichen nicht mehr leicht zu unterscheiden ist.

Klatschiges zum Beispiel: Peter Boenisch war (von 1961 bis 1970) Chefredakteur von Bild; und die Mädchen, an denen er im Kabriolet vorbeirauschte, sahen ihren „Traummann“ entschwinden. Seine Ehe (mit der Bühnenbildnerin und Innenarchitektin Viktoria von Schack, die man als „brillantes Partygeschöpf aus solidem Potsdamer Adel“ beschrieben hat) wurde 1965 geschieden, gescheitert an seinem wie an ihrem Beruf, den beide mit an Besessenheit grenzendem Fleiß ausübten. Sein Mittagstisch stand fortan in den Hamburger „Vier Jahreszeiten“, dem besten Hotel auf dem Kontinent.

Anekdotisches: Peter Boenisch wurde, 23 Jahre jung und frech, Chefredakteur der Schleswig-Holsteinischen Tagespost in Rendsburg, sollte einen Opel des Typs Olympia als Dienstwagen erhalten und verwahrte sich gegen ein solches „Handelsvertreter“-Gefährt; er erhielt einen Opel Kapitän, höhere Mittelklasse.

Und Tatsächliches: Er wechselte zum Nordwestdeutschen Rundfunk, wurde persönlicher Referent des damals noch Generaldirektor titulierten Intendanten Adolf Grimme und organisierte eine Luftbrücke für erholungsbedürftige Berliner Kinder, Vorläufer der Aktion „Ein Platz an der Sonne“, wofür er das Bundesverdienstkreuz erhielt. Und er machte (gemeinsam mit Hanni Bartenschlager) eine Zeitschrift, die Verleger Kindler in Verkennung der Leserbewußtseinslage „Filmstar“ betiteln wollte und die dann als Bravo den Beifall der Manager auch im Springer-Haus fand. Innerhalb eines Jahres stieg die Auflage auf mehr als 400 000 Exemplare. Wer Bravo heute durchblättert, muß in seinem Eindruck korrigiert werden: Damals verscheuchte das Blatt, ähnlich wie Constanze für die Frauen, für die Teenager den Muff aus der Banalität der fünfziger Jahre.

Als Mitglied der Springer-Holding, in der obersten Etage des Konzerns, schrieb Boenisch schließlich in Bild am Sonntag Kommentare, über die man zuweilen rätseln konnte, ob sie einer Champagnerstimmung oder einer Stammtisch-Bierlaune entsprungen waren. Für die „Sprüche“, die er (übrigens katholisch getauft) dabei in durchaus lutherischer Schau-dem-Volk-aufs-Maul-Manier losließ, hätten die Leser eigentlich Vergnügungssteuer zahlen müssen. Im Ernst des Springer-Hauses prädestinierten sie ihn offenbar für den Job als Chefredakteur der Welt, den er unversehens eben nicht nur als Job auffaßte.

Er schüttelte das ergraute Playboy-Image ab und gab zu erkennen – zum Beispiel: daß Herbert Wehner sehr wohl das Recht habe, eine Rede zum 20. Juli zu halten; daß der Olympiaboykott ein Fehler sein könnte; daß die deutschfranzösische Freundschaft zweifellos mit den deutsch-amerikanischen Beziehungen vereinbar sei; und daß Nachrichten nichts als Nachrichten sein sollten und man die Auslandskorrespondenten nicht gängeln dürfe. Und noch einiges mehr, ebenfalls nur zum Beispiel, daß man den toten Großadmiral Dönitz gewiß würdigen, seine Haltung nicht nur gegenüber, sondern auch neben Hitler aber nicht vergessen sollte.