Kaum eine Stunde nach Beginn des politischen Riesenspektakels um die Inauguration des neuen amerikanischen Präsidenten hob in Wien eine ähnliche Show an: die deutsche Erstaufführung von „Evita“ im Theater an der Wien. Es entsprach etwa dem, wovon Ronald Reagan in seiner Antrittsrede sprach: von den Träumen, auf die die Amerikaner ein Recht hätten. Nach der Uraufführung in London 1978, nach weiteren Aufführungen dann in Amerika, Australien und Spanien hat das Erfolgsmusical nun Einzug in den deutschen Sprachraum gehalten. Ein Grund zur Freude?

Da ist zuerst die Frage, ob die hier angewandte Form überhaupt für diesen Stoff vom Glanz und Elend der peronistischen Diktatur taugt. Einerseits zeigt sich das Stück nämlich als äußerst geistreich gemacht – sieht man einmal von der sensationsheischenden Verwendung Che Guevaras als Kommentator und alter ego Evitas ab –, andererseits gibt es sich als ekelerregendes Konsum- und Kommerzstück zu erkennen, das auch problemlos verdaut wird. Dieser Vorwurf gilt hauptsächlich der Musik; denn was der Komponist Andrew Lloyd Webber da geschrieben hat, ist eine einlullende Hitparadenmusik par excellence.

Da fällt denn auch kaum ins Gewicht, daß ihre Struktur dem Musical bislang fremd war: das Stück ist durchkomponiert, reine Dialogteile bleiben ausgespart, die schematische Aneinanderreihung einzelner Hitkompositionen ist vermieden; das Publikum wird vielmehr in einen – freilich intelligent gewebten – Klangteppich eingewickelt, der eine Vielzahl an Leitmotiven ausspielt, verarbeitet und entwickelt. Gleichwohl kristallisieren sich des öfteren schon recht hitparadenträchtige Klanggefüge heraus. Gutes Handwerk also, gewiß nicht unbedacht als anspruchslos abzutun, wenn man es mit anderen Musicals vergleicht.

Und doch hat die Komposition platte Züge, wendet man auch nur einen Gedanken an den Stoff, der damit auf die Bühne gebracht wird. Gerade bei der Behandlung des peronistischen „justicialiswo“ wäre der Bruch zwischen Musik und Text ein wichtiger Faktor der Erläuterung gewesen, hätte Ecken und Kanten entstehen lassen und störende, im besten Sinne verstörende Momente bewirkt; so aber entkommt das Publikum dem Wohlklang nicht, findet kaum Gelegenheit zur Reflexion des Geschehens,

Das soll nicht heißen, hier werde die peronistische Diktatur verherrlicht, nein, schlimmer noch: Sie wird, in mundgerechten Stückchen ästhetisch dargereicht, verharmlost. Fast ist es belustigend zu lesen, auf welch entschuldigende Art sowohl der Komponist als auch der Texter Tim Rice und sein Übersetzer Michael Kunze im Programmheft ihre Abneigung gegenüber Eva Peron darlegen – wohl schon deswegen, weil das zentrale Lied „Don’t Cry For Me Argentina“ einen so außerordentlichen Erfolg gehabt hat.

Eine Ironie fände sich, wenn dieser Geschichte, die ja tatsächlich einem „Herz und Krone“-Roman entlehnt sein könnte, nicht anders beizukommen gewesen wäre als in dieser entfremdeten Form des heutigen mediengerechten Märchens. Doch von dieser Absicht findet sich nirgendwo ein Wort. Und „Evita“ setzt sehr direkt den vorherigen Erfolg des Teams mit „Jesus Christ Superstar“ fort.

Bei der Wiener Aufführung war nun erstaunlich zu sehen, wie einfühlsam Michael Kunze den Text übertragen hat, wort- und assoziationsgetreu, und daß er nur sehr selten in das deutsche Schlagerallerlei abgeglitten ist. Die Geschichte des Mädchens Eva Duarte, seine Karriere durch die Betten und der Aufstieg bis zur Santa Evita, als die sie sich dem verklärten Volke zeigte, hält sich soweit wie möglich an die Historie. Um das zu untermauern, läßt Harold Prince in seiner Inszenierung laufend Dias und Filme jener Zeit zeigen, auf einer angenehm karg ausgestatteten Bühne (von Timothy O’Brien und Tazeena Firth). Die Inszenierung ist ein getreuer Abguß der vorherigen „Evita“-Arbeiten Prince’s, zu denen auch die Uraufführung zählt; mitsamt der perfekten, staunen machenden Lichtregie David Herseys.