ZDF, Samstag, 7. Februar: „Testament einer Jugend“, erster Tail

Eine neue Serie am Samstag abend im ZDF. Die beste Sendezeit, die sich denken läßt: 19.30 Uhr. Eine preisgekrönte, in Großbritannien geradezu enthusiastisch gefeierte Produktion. Das Thema ist zeitgemäß (es geht um Pazifismus und Ächtung des Kriegs), die Verfasserin, Vera Mary Brittain, auf deren autobiographischen Notizen der Film beruht, eine eindrucksvolle Persönlichkeit (Schriftstellerin, Geschichtsdozentin, Publizistin, Vortragsreisende, Friedensfreundin, 1896 geboren, 1970 gestorben), der Appell des Unternehmens unüberhörbar: Frauen, solidarisiert euch und bekämpft den Krieg, diesen Inbegriff einer Männerwelt voll von Barberei und martialischer, mangelnde Emanzipation enthüllender Ersatzbefriedigung.

Ein großes Projekt also, das den Programmzeitschriften Gelegenheit geboten hätte, in spannender Darstellung, knapp und informativ, das Leben und Werk der Vera Brittain, ihre propagandistische Tätigkeit in England und den Vereinigten Staaten, den Kampf für eine Weltregierung, ausgefochten mit Hilfe einer einprägsamen Prosa, zu veranschaulichen. Aber natürlich geschah nichts dergleichen: Der Betrachter am Bildschirm mußte also, da nicht nur die Radiozeitungen, wie vor vierzehn Tagen an dieser Stelle dargestellt, sondern auch die Programm-Oberen nach der Devise „Friß Vogel, oder stirb!“ verfuhren... der Betrachter arm Bildschirm mußte eine Bibliothek aufsuchen und, da selbst der große Meyer streikt, in Nach Schlagwerken Informationen über Miß Brittains Testament of youth herausklauben.

Veröffentlicht in Tagebuch-Form anno 1933: viel steht freilich auch in den Lexika der Weltliteratur nicht – Grund genug, meine ich, für das ZDF, zu Beginn der nächsten Sendung ein paar Worte über Vera Brittains Leben und Werk fallenzulassen, als Introduktion eines Filmteils, dessen Vorgänger, sprich: Folge eins von einem Witz, einem Sinn fürs sprechende Detail, eine Identität von redendem Bild und plastischem Wort, einer Fähigkeit, sekundenschnell Charaktere und Atmosphäre zu zeichnen, geprägt war – so perfekt, daß man versucht war, unentwegt. Szenenbeifall zu spenden.

Mein Gott, so hätten die Buddenbrooks inszeniert werden müssen, so intelligent und exakt – und keiner hätte dann behaupten können, Ironie ließe sich nicht verfilmen. Moira Armstrong, die Fernsehbearbeiterin des Romans (und zugleich Vera Brittains künstlerisches alter ego) hat uns gezeigt, wie so etwas gemacht wird. Fünfundvierzig Minuten: und eine ganze Welt mit all ihren Facetten, ihrem Glanz und der Borniertheit einer sie regierenden Kaste, dem Humor, mit dem es nicht so weit her ist, und der Humanität, die unzerstörbar ist, gewinnt Gestalt.

Und das nicht zuletzt dank einer Schauspielerin, Cheryl Campbell, die es fertigbringt, mit einer einzigen Geste von Anmut in Häßlichkeit, von hölzernem Ungeschick in Charme und Souveränität hinüberzuwechseln und derart den jeweiligen Ausdruck als transitorisch, als veränderungs- und entwicklungsfähig zu markieren. Da wurde jedes Nicht ein Noch nicht, da war jedes Jetzt ein Schon jetzt: die Impressionen der flüchtigen Wirklichkeit in eine Fülle von schon angelegten, aber erst zu realisierenden Möglichkeiten verwandelt.

„Das ist ein Wunder“, schrieb die Times über den Film – ich denke, der erste Teil des in sechs Folgen gegliederten Films legt die Vermutung nahe, daß die Times wieder einmal recht hat.

Momos