Für den Leitenden Regierungsbaudirektor Kurt Wiersing sind diese alten Häuser hier gar „nicht einmalig“, sogar Fremdkörper. Und sein Amtskollege Sundermann sagte, die Erhaltung dieser Überbleibsel eines kaputten Bildes sei kein städtebaulicher Beitrag, hingegen sei mit der Wiersingschen Hochhausscheibe „ein Stück Stadtgeschichte geschrieben“ worden.

Daran wollen sie auf alte Weise weiterschreiben, obwohl die Stadt ihre Planungspolitik inzwischen radikal geändert hatte. Beim Bundeswettbewerb „Stadtgestalt und Denkmalschutz“ 1978 bekam sie für den neuen Rahmenplan ihrer Bauverwaltung eine Goldmedaille, weil sie zum Teil schon rechtskräftige Verkehrs- und Bebauungsplanungen zugunsten einer bescheideneren, aber erhaltenden Erneuerung aufgegeben hatte, ein Erfolg der Bürgeraktion Stadtsanierung.

So war es möglich geworden, die an einer nun nicht mehr zu verbreiternden Straße liegenden historischen Häuser zu erhalten. Allerdings standen sie auf jenem Grundstück, das die Regierung zu bebauen plant, und die hatte das Umdenken der Stadt ganz unbeeindruckt gelassen. Sie lehnte Kompromiß Vorschläge ab, fühlte sich zu keiner Alternative aufgerufen, erst recht nicht zu einem städtebaulich pointierten Architekten-Wettbewerb. Denn alles das würde den Baubeginn um ein Jahr verzögern.

Sie war nicht imstande, zuzugeben, daß das nichts ist gegen ein dauernd demoliertes Stadtbild. Man müsse vielmehr, sagte der Regierungspräsident Stich, „nach den Interessen unserer Behörde fragen, denn schließlich ist die Bezirksregierung hier einer der größten Arbeitgeber“, Und so drohte er mit einem sonst eher von eigensinnigen Großunternehmen gewohnten erpresserischen Unterteil mit dem Wegzug von Detmold,

Obwohl derlei Andeutungen meist Aufschneidereien sind, nahm der Stadtrat sie ernst, fügte sich dem machtbewußten Präsidenten und verzichtete auf die letzte Chance, zwei charakteristische, obendrein hervorragend erhaltene Gebäude zu retten. Zwar hatte Präsident Stich darauf bestanden, bei Baubeginn ein von lästigen historischen Häusern geräumtes Grundstück vorzufinden, dennoch war ausdrücklich auch vereinbart worden, sie erst kurz vor Baubeginn abzureißen (sofern es sich dann überhaupt noch als notwendig erweisen sollte). Für zwei der gefährdeten Häuser Verwaltungs- und Fabrikbau der ehemaligen Steindruckerei Klingenberg – hieß das: frühestens in fünfzehn Jahren, Und hatte nicht Präsident Stich einmal gesagt, sie seien für ihn „kein Dollpunkt“? Hatte seine Behörde nicht zu überlegen begonnen, wie man sie solange nutzen könne?

Wider Treu und Glauben schlug er alles das auf einmal in den Wind. Als in der Stadt bekannt wurde, daß von Abriß die Rede war, bangten junge Leute um die erträumte Chance, hier eine Art Hamburger Kultur-Fabrik zu praktizieren. Sie besetzten den Bau, von Bürgern jeglicher Altersstufe und Profession moralisch unterstützt, und entwickelten ein ebenso phantasievolles wie amges Programm mitsamt Kammermusik: Ein derart konstruktives Beispiel hatte kaum jemand vermutet:

Doch die Hoffnung, auch behalten zu dürfen, was sie sich genommen haben und die Stadt ihnen bisher vorenthalten hat, trog, denn dem Regierungspräsidenten fielen immer nur wieder Recht und Ordnung ein, und also sorgte er dafür so, wie es unter Leuten, die sich in ihrem Machtbewußtsein gekränkt fühlen, Brauch ist: Unter dem Schutz Hunderter von Polizisten – sechs auf einen friedlichen Besatzer – wurden die beiden Häuser geräumt und sofort in Trümmer gelegt, ohne Ankündigung und zur Schlafenszeit, Eben schienen die Häuser noch gerettet, weil die Durchgangsstraße, an der sie stehen, nicht mehr auf viele Spuren erweitert wird; eben noch vermutete niemand Böses, weil an dieser Stelle frühestens in fünfzehn Jahren gebaut werden wird und die Häuser niemanden im Wege standen; jetzt sind sie weg: Eine überflüssige, eine sinnentleerte Machtdemonstration. „Was sind das für Volksvertreter“, fragten die Fabrikbesetzer, „die sich einen Dreck um die Belange der Bürger kümmern?“ Kein Aufschwung zum Gespräch mit den ernsthaften Besetzern, nur die Herablassung zur Anordnung: raus hier und weg mit dem Ganzen!