Von Dietrich Strothmann

Eine be Satire über einen Satiriker? Was Komisches über einen Komiker? Ein Kabinettstück über einen Kabarettisten? Über Dieter Hildebrandt zum Beispiel?

Wie er so seine beiden vom vielen Fliegen angekratzten Koffer durch die gläserne Hoteltür trägt, kömmt es mir vor, als hätte ich Eulen nach Athen zu tragen, wollte ich auf seinen Spaß noch einen draufsetzen, auf seine Ironie noch eine, auf seinen satirischen Einfall einen zweiten. So geht es nicht.

Über Hildebrandt, den bald 54jährigen, spitzzüngigen Old Shattermouth, läßt sich fast pausenlos lachen – auch wenn er sich im hektischernsten Fernsehbetrieb oft nur als liebenswerter Pausenfüller versteht. Er selber lacht ja auch schier unentwegt – über sich, über seine spontanen Einfälle. Aber lustig über ihn zu schreiben, sich gar lustig über ihn zu machen...

Wenn er so eine Art Narrenkappe trägt (nicht nur zur Faschingszeit), ist es auch immer ein bißchen eine Tarnkappe. Selbst die Spiegel-Schreiber, die sich an Dieter Hildebrandt versucht haben, an seinen Auftritten und Abtritten, waren nie besser als er selber – ob auf der Bühne der Münchner "Lach- und Schießgesellschaft" (16 Jahre), ob als Anti-Löwenthal im ZDF (66mal "Notizen aus der Provinz") oder jetzt als SFB-"Scheibenwischer" (bisher fünfmal). Auf diesen Schelm passen eben, Kruzitürken, keine änderthalbe.

Also stehe ich wartend, abwartend in der Hotelhalle und frage mich: Was wird er wohl zur Entschuldigung sagen, daß er zu spät kommt? "Sie wissen ja: der Flieger aus München!" Soll das etwa schon gleich wieder ein Witz sein? Also gucke ich zu, wie er seinen Koffer zur Rezeption trägt, höre zu, wie er der Garderobenfrau mit Handschlag "Guten Tag" sagt, wie ihn die Empfangsdamen und Kellner gleich mit "Herr Hildebrandt" anreden.

Den kennt man doch, auch wenn er nicht mehr so schwungvoll-jungenhaft auf die Bühne eilt. Denn wo er auch hintritt, immer erwartet jeder gleich einen, seinen, Auftritt, auch in der Halle des Berliner Hotels am Lietzenseeufer, gegenüber dem "Entenpfuhl", wie er den kleinen See mit den Möwen und Schwänen abfällig-liebevoll bezeichnet.

Das Gesicht kennt man doch, auch wenn es noch mehr Falten angesetzt hat. Wenn es nicht in München selber war, bei der "Lach und Schieß", dann doch fast jeden Silvester von der Mattscheibe her, danach regelmäßig im zweiten Kanal, neuerdings im ersten.

Und er hat als Kabarettist den Kanal noch immer nicht voll. Seit 1955 nicht, als er anfing (nachdem er sich erst in der Rolle des Platzanweisers bei der "Kleinen Freiheit" der großen Trade Kolmann mit dem Metier vertraut gemacht hatte). Seit 1964 nicht, als wir uns in seinem Münchner Reihenhaus das erste und letzte Mal getroffen hatten und er ehrlich bekannt hatte, er hielte es immer noch, immer wieder "für komisch, die Wahrheit zu sagen".

Viele andere neben ihm, unter ihm, haben längst aufgegeben, die zumal, die so lange mit ihm gemeinsam von Schwabing aus lachten und schossen: Der eine macht derweil Werbespots, der andere tingelt als Conférencier Bunter Abende durch die flachen Lande, der dritte wartet noch heute auf die, endlich, größere Rolle im kleinen Theater. Hildebrandt ist als einziger aus der Münchner Truppe oben, dabeigeblieben. Und er denkt, selbst nach etlichen Niederlagen (bei den Mainzern, die lieber singen als länger lachen wollten und ihn mit fadenscheiniger Begründung – Wahljahr 80 – vor den Lerchenberg setzten), erst recht nach manchen mißratenen Nebenjobs (als wirklicher Schauspieler, als Musical-Texter) nicht daran, den Satiriker an den Nagel zu hängen. Gerade weil er schon so manches liebe, lieblose Mal seinen grauhaarig gewordenen Kopf in den Schlingen von Intendanten, Parteipolitikern, Verwaltungsräten hatte. Hildebrandt, älter geworden, weiser also, nachsichtiger, auch mitleidsvoller (mit Strauß zum Beispiel, über den er nicht mehr lachen, nicht mehr spotten und schimpfen mag und kann), bleibt Hildebrandt – bis...

Ja, das war die Frage, auf die ich bei Tische am "Entenpfuhl" während des Essens ("was Leichtes, bitte") kurz vor der ersten Stellprobe für seinen fünften "Scheibenwischer" immer wieder zurückkam, so daß es ihm schon lästig wurde: Wohin soll’s denn mal weitergehen? Wie stellt er sich selber in zehn Jahren vor? "Ich sehe schon" – und seine vielen Falten und Grübchen wurden für einen Moment eisglatt –, "Sie zerbrechen sich meinen Kopf."

Also: Er denkt nicht ans Aufhören, noch lange nicht. Ihm behagt das literarische Kabarett mehr als das politische ("Ich bin eben alt geworden"). An ein neues Ensemble denkt er nicht ("Ich bin bequem geworden"). Er will gern mal wieder mit seinem alten Münchner Weggefährten Hans. J. Diederichs auftreten, den nicht nur er für den Begabtesten, Talentiertesten aus der Runde von damals hält. Er will mit seinem österreichischen Kumpan Werner Schneider mit einem eigenen Stück im Burgtheater auftreten (dabei lacht er so verschmitzt, daß man das Schlimmste, Komischste befürchten muß). Er schreibt nebenbei weiter Texte für die neue "Lach und Schieß", geht mit Münchner Cellisten auf Tournee (wo er zwischen Barock und Ragtime-Jazz seine berühmten Soloauftritte als Notenverteiler hat). Er tritt, zusammen mit den anderen, übriggebliebenen "Alten", Älteren wie Hüsch oder Biermann ("der ist auch ein Satiriker, nicht zu vergessen"), bei spontanen Großveranstaltungen der alternativen kabarettistischen Szene auf, so kürzlich in Stuttgart (wobei der sonst nüchtern-ironische Hildebrandt geradezu ins Schwärmen gerät).

Denn das war, seit Beginn des Gesprächs zwischen magenfreundlichem Reis und Tee am "Entenpfuhl", die andere ernste Frage, für die er fast nur Spott übrig hatte: Gibt es das deutsche Kabarett überhaupt noch? Stirbt es nicht doch langsam vor sich hin? 1964, als wir uns bei ihm getroffen hatten, zur hohen Zeit der "Lach und Schieß", war er kurz zuvor beim damaligen Kanzler Erhard zu Gast gewesen. Manche argwöhnten deswegen schon: Mit den Satirikern geht es zu Ende, sobald sie zu Hofe geladen werden. Und der nie mundfaule, nie um selbstironische Ausreden verlegene Star der Münchner Mannschaft gab es gequält zurück: "Wir sind in dieser Unterhaltung zu dem Ergebnis gekommen, daß die Lach- und Schießgesellschaft doch staatsbejahend ist." Es hätte, als Krönung dieser Bonner Visite, nur noch das Bundesverdienstkreuz gefehlt. Das wäre sicher ein Blattschuß für das Kabarett gewesen.

Hofnarren wollten sie am wenigsten sein, die dem Kanzler damals, ein bißchen widerstrebend zwar, ihre Aufwartung gemacht hatten. Denn: Narren seien sie, gewiß; aber von "Hof" könne doch nun wirklich in Bonn keine Rede sein. Die Münchner machten dann acht Jahre später Schluß; die Berliner "Stachelschweine", das Düsseldorfer "Kom(m)ödchen" – als die bekanntesten Etablissements – machten weiter, mal recht, mal schlecht.

Die Krise des Kabaretts also – was ist da dran? Lore Lorentz, die unerreichte Prinzipalin aus Düsseldorf – nebenbei "Frau Professor" fürs Musical an der Folkwangschule –, meinte dieser. Tage zu Werner Höfer, dem anderen politischen Unterhalter von Graden: "Die Krise des Nachkriegskabaretts begann mit der ersten Fernseh-Ubertragung." Punktum. Dieter Hildebrandt, der sechs Jahre lang in Mainz die einzige Satire-Sendung auf die Bildschirme brachte, was er ebenso lange in Berlin fortsetzen will, denkt anders darüber. Er muß auch anders darüber denken, weil er davon lebt und weil er beweisen will, daß es trotzdem so auch geht mit dem Kabarett: live freilich und notfalls wider Zensurabsichten höheren Ortes. Berlin, sagt er, sei aber Berlin: liberaler, auch mutigen Man wird sehen...

Und wenn er also doch, bitte, auf die Sechzig. zugeht und wenn er Woody Allens letzten Film über den unverstandenen traurigen Clown gesehen hat? Und wenn er, noch öfter als jetzt schon, die bittere Erfahrung seines großen Vorbildes. Werner Finck gemacht hat: Wo früher ein kleines Hämmerchen an einem kleinen Glöckchen einen großen Klang gebracht hat, so der Altmeister vor langer Zeit, schafft das heute nicht mal mehr ein Riesenhammer an einer Riesenglocke – was dann, was weiter? Es gebe, sagt Dieter Hildebrandt ohne Lachfältchen auch diesmal, genug Junge, die weitermachen, die neu machen; Die Satire in Deutschland hängt nun wirklich nicht allein an seinen beiden lustigen, listigen Augen. Dieter Hildebrandt Unverzagt läßt hoffen;

Der Spötter, der für Spott nicht zu sorgen braucht, um noch einige Zeit davon und damit leben zu können, will wenigstens in diesem einen Punkt sehr ernst genommen werden. Ohne den kleinsten jener hintersinnigen Hintergedanken, hinter die ich bei ihm sonst auch nicht immer gekommen bin. Denn meistens wußte ich nicht: Hat er nun seinen Auftritt oder ist er "stinknormal"? Ist es bloß Spaß oder meint er es ehrlich? Oder ist es – am wahrscheinlichsten – beides? Aber vielleicht gäbe es den Kabarettisten Dieter Hildebrandt schon gar nicht mehr, wären wir ihm alle zusammen auf seine Schliche gekommen.