In Deutschland hat mich auch die Linke sehr enttäuscht, und da bin ich nun persönlich sehr betroffen, und diese Enttäuschung hängt sehr mit suizidären Stimmungen zusammen. Der ganz unreflektierte und rabiate Anti-Israelismus, das gehört schon zum guten Ton, das ist so selbstverständlich wie das Klassenbewußtsein, daß Israel ein Vorposten des Imperialismus ist und zerstört werden muß. Ich bin dem Glauben nach überhaupt kein Jude. Ich bin ein Hitler-Jude, ein Halbjude, der mit einer Jüdin verheiratet war und darum als Jude galt für die Nazis. Aber ich fühle mich diesem Staat Israel sehr verbunden, weil ich das Schicksal derer gekannt habe, die eben keine solche Zufluchtsstätte hatten. Da kann ich mich nicht freuen darüber, daß in Entebbe irgendwelche Kidnappers da Leute von der Baader-Meinhof-Gruppe rausholen wollen, aber dann eventuell bereit sind, hundert jüdische Passagiere in die Luft gehen zu lassen. Aber es ist bei der Linken ausgeschlossen, darüber nur ein Wort zu reden. Zionist oder wie es dann gleich heißt. Ich bin so wenig Zionist wie Sie, ich kann kein Wort Hebräisch. Aber ich weiß, was dieser Staat für soundso viele Menschen bedeutet, auch noch als Symbol, als Symbol des aufrechten Ganges, um es mit Bloch zu sagen. Und das trennt mich von den Linken. Auf der einen Seite spüre ich den Druck von rechts, auf der anderen Seite die Verständnislosigkeit von links.

Aus: Christian Schultz-Gerstein, "Der Doppelkopf: Nach einem Gespräch mit Jean Améry"; März Verlag, Frankfurt; 1979.