Herbert Wehner – es muß geschieden werden – Seite 1

Von Klaus Harpprecht

an wird ihn vermissen: Bonn sinkt ohne diesen alten Mann noch ein Stück tiefer in sich zusammen. Die kantige Gestalt, hochgezogene Schultern, eingezogener Kopf, wird fehlen: das bundesdeutsche Flachland, ebnet ohne diesen Stein des Anstoßes und des Widerstands das rheinische Gelände noch ein wenig weiter ein. Man wird ihm nachweinen: denn.sein Abgang stellt sich selbst manchen Feinden als Erfolg der Angepaßten, der Grauen und Tüchtigen, der buchhalterisch rechnenden Aufsteiger dar. Man wird lamentieren, die Nation müsse, ohne seine, provozierende Präsenz moralisch verarmen: und es ist wahr, daß ihr so fürs erste keiner mehr die bitteren Wahrheiten und die halbbitteren Halbwahrheiten im Prophetenzorn um die Ohrenhaut, daß ihr keiner mit, jenerbekennerischen Wut entgegentritt, die einst den Autor dieser Zeilen veranlaßte, ihn den "Lutheraner von links" zu nennen.

Man wird den unvergleichlichen Redner am schmerzlichsten entbehren: den Tonfall der verdrossenen Bescheidung, mit dem er oft Aufmerksamkeit und Stille erzwang, die täuschenden Ouvertüren, die er mit altfränkischen Artigkeit ten dekorierte, wenn sie ihm gefielen, die kleinen Sottisen, die ihm zunächst noch leise aus dem schiefen Mund fielen. Die erstenCrescendi, in denen er die Peitsche schon mal wippen ließ und schließlich die plötzlichen Steigerungen zu seinem furiosen Staccato, bei dem ihm jeder Zwischenruf willkommen war – jeder Satz ein Feuerstoß, der die Gegner niedermachte oder sie doch dazu zwang, die Köpfe einzuziehen.

Er wirkte wie kein anderer für Drama. Mit heiserer Entschlossenheit bellte er der Welt seinen Willen und der Opposition seine Beleidigungen entgegen. Dann nahm er Lautstärke und Tempo unversehens zurück, um murmelnd, fast flüsternd und halb privat den Dialog mit dem Schicksal weiterzuführen, bis sich in neuen Eruptionen der Erregung die Stimme im Sächsischen bisweilen überschlug.

Die dramaturgische Genialitätseiner Selbstinszenierungen im Parlament erinnerte in der Tat an den großen Landsmann Richard: Wagner, mit dem er manches gemein hat: zwar nicht die Musikalität, doch gewiß den theatralischen Instinkt, die untrügliche Witterung für Effekte, die missionarische Besessenheit, eine eher unsensible Ironie, die Neigung zu Wortwitzelei, Taktlosigkeit, Sentimentalität und aufgeladenen Ressentiments. Mit Wagner verbindet, ihnder chronische Flirt mit der Katastrophe, die Lust an der Untergangsstimmung vor allem aber die Egomanie, die bei den Meistersängern, der Götterdämmerung unauflöslich mit seinem "Werk", beim "Zuchtmeister" der deutschen Sozialdemokratie mit der "Sache" verschmolz. Am tiefsten schließlich vereint die beiden jene bewunderswerte Gabe, die der Schlüssel ihrer Wirkung war: die Fähigkeit, sich selber zu Lebzeiten im Wandel der Mythen emporzustilisieren.

Adenauers Spott inspirierte Herbert Wehner zu der brillanten Eingebung, die ihn fortan auf Schritt und Tritt durch tausend Zeitungskommentare, Radioprogramme und Fernsehreportagen begleitete, bis der Begriff mit ihm selber identisch wurde: Er hatte von dem Alten gesagt, der sei aus "politischem Urgestein" geformt. Ein schönes Wort. Die Bundesgesellschaft, die auf eine so redselige Weise sprachlos ist, sog es gierig ein. Niemand hielt sich daran auf, daß es durch inflationären Gebrauch zum Klischee verkam. Anderthalb Jahrzehnte rankten sich die Sehnsucht nach Solidität und das Verlangen nach Verläßlichkeit an der Vorstellung vom Granitfindling auf, der unverrückbar aus dem Bonner Morast zu ragen schien.

Andere Metaphern starker Prägung setzten sich dem Bilde zu: Man nannte Wehner den "Kärrner" der SPD, der den Karren der Partei" unverzagt voranschleppte, solange der "Karren" es wollte. Man rief ihn als betagten "Zuchtmeister", der die Genossen wie ein Vater wehen Herzens strafte, wenn sie vom Pfad der Ordnung und der Macht irrten. Man feierte ihn als den "Strategen" der Partei, den einzigen womöglich, der die "Weichen" für die Zukunft zu stellen vermöge (es blieb nur unbekannt, welcher Zukunft). Man rühmte ihn als den Dulder, dem nie eine Palme, es sei jene des Opfernden und Entsagenden, gereicht werde, da stets die Person der "Sache" zu opfern bereit sei.

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Die "Sache". Sollte man immer fragen, welche gemeint sei? Hinter der zauberischen Formel ahnten die hoffenden Seelen im Fraktions- und Parteivolk, witterten schärfer noch die Brüder und Schwestern von der journalistischen Zunft ein grunddeutsches Epos, vor dessen kategorischer StrengeHelmut Schmidts preußisch-kantischer Imperativ zu neuromantischer Weichlichkeit verblaßte.

Die "Sache". Sie umschloß die Leidensgeschichte des Verachteten und des Verfolgten, lange Epochen der redlichen und trotzigen Opposition, Qual um Deutschland, alle guten "Anliegen" der Nation, den schweren Büßerweg zur Macht, mehr als alles andere freilich die Macht selber, die nur verräterischer Frevel der Partei entgleiten ließe. Daß ein deutscher Sozialdemokrat ein so inniges, ja erotisch hoch gespanntes Verhältnis zur Magie der Macht gewonnen hatte, jagte dem Heer der Bonner Zeugen und ihrer Statisterie täglich wahre Schocks der Ehrfurcht ins Mark. Es fiel nicht weiter auf, daß die beschwörenden Huldigungen, die so widerstandslos ins Mythische wuchern, samt und sonders aus Wehners Gewächshaus stammten. Die Wehner-Legende ist der Ausweis seines Genies.

Gutartige Zaungäste des Medienbetriebs übersehen oft, daß der natürliche Destruktionstrieb, ohne den Journalismus undenkbar ist, von einem süchtigen Verehrungsbedürfnis übertroffen wird. Überdies übersah Herbert Wehner selten die simpelste Maxime für den erfolgreichen Umgang mit der Presse: Er behandelte sie miserabel. Zwar teilte er gelegentlich ein paar Brocken Zuckerbrot an die Favoriten aus, bestach da und dort mit Vertrauen, verlor sich mit dem einen oder anderen seiner Jünger in endlos brütenden Gesprächen, doch in der Regel trat er dem Chor der Korrespondenten wie einer Herde rebellischer Fürsorgezöglinge entgegen. Er raunzte und schnauzte, wenn er nicht schlecht gelaunt schwieg, demonstrierte Verachtung und ließ das Zuchtrohr sausen.

Der Dressurakt gelang. Selbst seine Schmähungen wurden mit der Dankbarkeit entgegengenommen, mit der das Vieh dem harten Bauern Salz aus der Hand leckt. Reporter und Kommentatoren von links und rechts und aus der Mitte, meist kühle Köpfe und zu sanften Zynismen aufgelegt, webten, strickten und häkelten mit frommem Eifer an der Wehner-Legende.

Der Alte von Rhöndorf leistete zu Beginn, ganz gegen seinen Willen, entscheidende Bündnishilfe: Seine Stichel-Verdächtigungen ("mit dem Herrn Wehner weiß man ja nicht...") weckten in allen unverdorbenen Seelen den Wunsch, dem Verfolgten Schutz zu gewähren. Adenauer und die Torheit des Generals Gehlen brachten es zuwege, die schwierige und leidvolle kommunistische Vergangenheit unseres geprüften Helden in einen Wiedergutmachungsbonus zu verwandeln. Das Unrecht, das ihm angetan wurde, stattete ihn mit einer Immunität aus, die ihn künftig allem Mißtrauen enthob. So wurden seine heimlichen Visiten bei Erich Honecker, am Ende der Kanzlerschaft Brandts, bloß mit einem milden Erstaunen registriert: Ein deutscher Patriot begab sich auf innerdeutsche Missionsreise. Da an der Lauterkeit seiner Motive kein Zweifel erlaubt war, ließen sich auch die Fragen nach der politischenKlugheit, nach dem Stil und nach der Korrektheit seiner Exkursionen mit einerHandbewegung vom Tisch fegen.

In den Bonner Anfängen aber grub sich Bitternis in Wehners Züge, und manchmal brach aus ihm sympathische Unverstelltheit, die schiere und verzweifelte Wut. Für gewöhnlich beugte er sich in Demut der Last seines vergangenen kommunistischen Irrtums. Von "Schuld" sprach er nicht oder doch nur leise und auf untypische Weise behutsam. Lieber arbeitete er – verbissen und unermüdlich – für die "Sache", säte und pflügte, verdeckte Unkraut, bestellte alte und neue Felder, steckte Terrains ab: Er wurde der Unentbehrliche.

Der Kampf ums Überleben. in den Henkerjahren des Stalinismus hatte seine taktischen Talente aufs äußerste geschärft. In Bonn vermochte er sie zu großer Meisterschaft zu steigern. Erfahrungen schmerzlicher Art, die er im Dschungel der Intrigen kommunistischer Führungskadergesammelt hatte, kamen ihm täglich zugute. Er hörte das Gras wachsen. Er witterte jede Wendung. Er legte das Ohr an die Schienen. Er zeigte sich, wenn die Stunde gekommen war, stests bereit, mit bewundernswerter Behendigkeit auf den fahrenden Zug zu springen, und nie währte es lang, bis er in der Kabine des Lokführers stand.

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Seine Äußerungen zur theoretischen Entwicklung des demokratischen Sozialismus waren wortreich, pathetisch, verquast und verschleiert – in der Substanz eher dürftig. Die Geistesgeschichte wird sie nicht notieren. Die Reformbewegung in der Partei beobachtete er distanziert. An der Vorbereitung des Godesberger Programms nahm er nur am Rande Anteil. Das Experiment war ihm nicht geheuer. Als er just im rechten Moment erkannte, daß der Aufbruch zur Volkspartei sich nicht aufhalten lasse, setzte er sich entschlossen an die Spitze des Vormarsches. Er widersprach nicht hörbar, als er später als einer der Initiatoren von "Godesberg" bejubelt wurde.

Er stemmte sich mit vaterländischer Empörung gegen die Bindung der Bundesrepublik an die Atlantische Allianz und die Europäische Gemeinschaft, ganz dem "nationalen Auftrag" getreu, den Kurt Schumacher der SPD hinterlassen hatte. Die Korrektur der neutralistischen Verweigerung, die Ernst Reuter und Fritz Erler, Willy Brandt und Helmut Schmidt versuchten, die Öffnung zu den Vereinigten Staaten und zu Frankreich betrachtete er, die Einheit Deutschlands im Herzen und auf den Lippen, voller Mißmut und Argwohn. Unsere westlichen Partner blieben ihm zeitlebens fremd. Doch als die Wendung nicht mehr zu verhindern war, vollzog er in seiner denkwürdigen Bundestagsrede am 30. Juni 1960 die große Umkehr: seine bedeutendste, vielleicht seine einzige wahrhaft strategische Tat.

In der hartnäckigen Umarmung der Christlichen Demokraten bereitete er die Große Koalition und damit die sanfte Eroberung der Führungsmacht durch die Sozialdemokratie vor. Im Bündnis mit der CDU fand seine Karriere ihre Erfüllung. Der Stander des Bundesministers Wehner war das Symbol der Aussöhnung des Verfemten mit Volk und Staat: Er war nun endlich heimgekehrt. Aber wichtiger: In ihren nächtlichen Rotweingesprächen humane und idealistisch hochgestimmte Einsichten tauschend, schienen die empfindsamen Seelen des Exkommunisten Herbert Wehner und des Ex-Nazi-Mitläufers Kurt-Georg Kiesinger in bewegender. Innigkeit zueinander zu finden. Man darf vermuten, daß der maskuline Wille des SPD-Ministers jene schwingenden Konversationen dirigierte, während der konserative Kanzler mit seiner femininen, sensiblen Kongenialität eher respondierte. Willy Brandt zeichnete als stellvertretender Regierungschef, doch Herbert Wehner agierte als der heimliche Generaldirektor des Kabinetts. Er bestimmte die Richtung, ohne die Deckung verlassen zu müssen.

Nichts hätte er sich leidenschaftlicher ersehnt, als die Fortsetzung dieser für ihn so glücklichen Ehe mit dem poetischen Schwabenkanzler. Die Partnerschaft hatte den Vorzug, grundvernünftig zu sein. Die revoltierende Generation des Jahres 1968 dachte freilich anders. Sie verachtete die Kooperation der Sozial-, und Christdemokraten als unzüchtige Mesalliance. Ihre Avantgarde hätte kaum gezögert, der Republik in radikaler Feindseligkeit für immer den Rücken zu kehren, ja mit ihrer Zerstörung zu beginnen, hätte sich Willy Brandt nicht entschlossen, CDU und CSU kurzerhand in die Opposition zu schicken und eine geduldige Integration der Rebellen zu wagen.

Dem angeblichen Strategen Wehner entging die Dringlichkeit dieses staatspolitischen Auftrags. Als Fraktionschef der SPD zeigte er sich danach auch nicht, sonderlich willig, den schwierigen und aufsässigen jungen-Abgeordneten Türen des Vertrauens und der Verantwortung zu öffnen. Vielmehr knüppelte er jedes Aufbegehren in verbalem Trommelfeuer nieder und erzwang brüllend jene kuschende Disziplin, die der Unsichere braucht, um in Deutschland als starker Mann zu gelten. Die Geschäfte des Tages überließ er einer Equipe von unauffällig geduckten Funktionären, unter denen nur eine Gestalt überlebensgroß und gewaltig aufragte: die seine Talente erblühten in seinem Schatten.

In Brandts Entschluß, eine Koalition mit den Freien Demokraten Walter Scheels zu riskieren, lag ohne Zweifel die Wurzel seines Zerwürfnisses mit "Onkel Herbert", der spätestens in der Wahlnacht des Novembers 1969 zu lernen hatte, daß sein "Kandidat" (falls er es war) nicht daran dachte, den Parteichef von fremden Gnaden zu spielen und als Kanzler wie eine Marionette an den Fäden eines undurchschaubaren und launischen Regisseurs zu tanzen. An der Konzeption der Ostpolitik hatte der "Stratege" Wehner kein Verdienst. Ihren Vollzug hingegen nutzte der Taktiker, um Brandts Autorität zu verschleißen.

In jener Epoche gab es Anlaß zu der Annahme, daß sich Wehner tapfer mit dem Geschick des Zuarbeiten im zweiten Glied abgefunden habe, und es ist wahr: Er entsagte der Illusion, daß er jemals die Führung der Partei oder des Staates übernehmen könne. Die Melancholie des Verzichts verklärte sich zur Aura des Heiligmäßigen. Indessen unterschätzte man das Ressentiment, das ihn umtrieb. Er verzieh es Brandt und Schmidt in Wirklichkeit niemals, daß sie der Unterwerfung unter den Moloch einer totalitären Ideologie und der Versklavung an einen totalitären Apparat entgangen waren: daß ihnen, mit anderen Worten, das unheilbare Trauma des Bruchs mit der Vergangenheit und der peinvolle Prozeß einer Konversion erspart blieb.

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Doch schlimmer: Brandt verbarg nicht, daß er das Leben liebte. Er hielt Freudlosigkeit nicht für eine Garantie der Tugend und Mangel an Höflichkeit für keinen Nachweis von Charakter. Der linke Puritaner Wehner fand sich mit Brandts unübersehbarem Vergnügen dieser sündhaften Welt nicht ab. Es schien ihm nicht zu gelingen, eine Art von Urhaß gegen den Genossen zu zähmen, weil der sich weigerte, durch unser irdisches Dasein wie durch ein Jammertal zu pilgern und an dem – Abgrund der Verworfenheit! – der Makel des Glücklichen haftete.

Brandt wiederum machte, seiner peniblen Natur getreu, den kapitalen Fehler, Wehner in diskreter Distanz zu halten, statt ihm einmal pro Woche die Abreibung zu verpassen, nach der sich der "Zuchtmeister" wohl insgeheim sehnte. Jeden Kompromiß verstand er als Zeichen der Schwäche. Nach dem fatalen Moskauer Impromptu, als er über seinen Kanzler vor den Ohren deutscher Journalisten (und des abhörenden sowjetischen Geheimdienstes) gespottet, hatte, der gehöre zu jenen, die "gerne lau baden", bat er mit der Devotion einer gestrauchelten Pfarrfrau,Brandt, "möge es noch einmal mit ihm versuchen". Dies war der Anfang vom Ende. Brandt besiegelte seinen Sturz, als er den geheuchelten Frieden akzeptierte. Den Rest besorgten Guillaume und die Erschöpfung.

Vermutlich ließe Wehner auch Helmut Schmidt über die Klinge springen, verfügte er über eine glaubwürdige Alternative. Die Lage erlaubt ihm derzeit aber lediglich, seine Position als Chef der Fraktion zu zementieren. Nach den Bundestagswahlen des Herbstes 1980 schien Herbert Wehner einen Augenblick lang bereit, über seinen Rückzug aus der Politik nach dem 75. Geburtstag wenigstens nachzudenken. Davon ist keine Rede mehr. Er verkündete, daß er bis zum Ende der Legislaturperiode "zur Verfügung" stehe. Hans-Jochen Vogel, ein überzeugender Kandidat für die Nachfolge, ist fürs erste in Berlin angebunden. Hans-Jürgen Wischnewski, ein potentieller Konkurrent, krümmt sich unter den Prügeln, die ihm der Unerbittliche beinahe täglich verpaßt – und die zugleich den Vorsitzenden Brandt treffen sollen, der nicht töricht genug war, sich von Wehner auf die Berliner Insel umsiedeln zu lassen.

Cui bono? Für die "Sache" versteht sich. Nur kann sie Wehner unmöglich mehr von der eigenen Person unterscheiden. Seine permanenten Warnungen vor der Gefahr einer Spaltung dienen vor allem dem Ziel, daß Wehner als Wahrer der Einheit zum Ausharren überredet wird. Der Dulder schickt sich noch einmal in die Pflicht: Kreuzträger seiner Partei.

Wehner berührt selber keine Ahnung, daß er in der Sozialdemokratie längst den Part übernommen hat, mit dem Franz Josef Strauß die Christdemokraten Jahr um Jahr gequält und die straft hat: Da es beiden nicht gegeben war, aus dem zweiten Glied ins erste der Verantwortung zu treten, deformierten sich ihre Energien zu Elementen der Destruktion. Auch Wehner kann nichts mehr bauen, sondern nur noch zerstören. Auch er kann, wenigstens in Partei und Fraktion, vermutlich sogar im Bundeskanzleramt, über sich und neben sich keine unabhängige Persönlichkeit dulden. Wohl aber kann er abschießen – oder es doch versuchen, zur Erhaltung der eigenen Unentbehrlichkeit.

Er ist nicht imstande, verläßlichen Frieden mit der Welt, mit Schmidt, mit Brandt, mit den Jüngeren, mit dem Alter – mit sich selber zu machen. In seiner Brust gären die blockierten Ansprüche so heftig wie eh und je. Die Unberechenbarkeit streift das Unerträgliche. Die Selbstgerechtigkeit grenzt ans Absurde. Ausbrüche mehren sich. Seine Sprache wird zänkischer, und es lohnt sich, sie aufmerksam auf Untergründiges und Verdrängtes abzuhorchen. Sie besitzt, in Wehners besten Augenblicken, noch immer lutherische Vitalität. Der Unterschied zum Reformator ist nur, daß Wehner nichts reformiert hat. Das besorgten die Konkurrenten.

Seine beiden Partner in der sogenannten Troika-SPD haben nicht länger die Wahl: geschieden werden muß. Es wird Wehner oder die "Sache" siegen, der er nicht mehr zu gehorchen vermag. Ein rascher und würdiger Abschied wäre ein Beweis von Größe, den dieser ungewöhnliche Mann und Mensch seiner Partei und seinem Staat bisher noch schuldet. Er war, mit seiner vulkanischen Natur, ein langwieriges Ereignis. Es bleibt zu wünschen, daß ihm nach dem Abschied die Pfeife nicht ausgehe.