Von Hellmut Becker

Wenn man die deutsche Tagespresse liest, sowohl im Feuilleton als auch im politischen Teil, schlägt einem die Unzufriedenheit mit dem herrschenden Schulsystem entgegen. Dabei wird viel Zeit und Platz aufgewandt, um einzelne Mißlichkeiten zu schildern; vor allem in der Hochschule kann die Verwahrlosung der Wissenschaftsorganisation, das angebliche Zurückgehen der Kenntnisse nicht detailliert genug dargestellt werden. Auch die Forderung nach dem „Mut zur Erziehung“ hört man vielerorts. Nun ist allgemein bekannt, daß kaum eine pädagogische Bewegung in den letzten 15 Jahren sich so ausgedehnt hat und so viele Fragen beantwortet, die unsere derzeitige erzieherische Lage uns stellt, wie die Waldorfschulbewegung. Und trotzdem hat kaum eine deutsche Tageszeitung es für nötig befunden, Ernst Weißert, der am 2. Januar 1981 gestorben ist, dem Vater dieser von Rudolf Steiner und Emil Molt nach dem Ersten Weltkrieg gegründeten Bewegung, einen Nachruf zu widmen. Woran liegt das wohl? Offenbar ist die Aufdeckung von Mißständen soviel interessanter als die Schilderung einer großen Erzieherfigur. Vielleicht ist unseren pädagogischen Reportern auch die Kraft der Beobachtung über dem weinerlichen Feststellen von Mißständen etwas verlorengegangen.

Im Dritten Reich waren die Waldorfschulen – ähnlich wie heute in der DDR – verboten. Nach 1945 haben Erich Schwebsch und Ernst Weißert zusammen mit vielen Freunden diese Bewegung wiederaufgebaut. Bis 1968 waren es bereits 29 Schulen, von 1971 bis heute hat sich diese Zahl von 35 auf 70 erhöht. Seit 1953 – dem Tode von Erich Schwebsch – hat Ernst Weißert allein als Vorsitzender des Bundes der Waldorfschulen die besondere Verantwortung für die Entwicklung dieser Schulen getragen. Ernst Weißert stammte aus Baden, aber bestimmend für seine Entwicklung waren die 13jährige Wirksamkeit an der Berliner Rudolf-Steiner-Schule vor dem Kriege, und die Ehe mit Elisabeth Caspari, der Tochter des Berliner Stadtverordnetenvorstehers der Weimarer Zeit. Der Vater von 70 Schulen hat nicht nur auf diese Schulen bis in das Jahr 1981, als ihm schon das Augenlicht fast versagte, mit ungebrochener Vitalität und Ausstrahlungskraft gewirkt; er hat in der gleichen Zeit 13 eigene, hoch begabte Kinder erzogen, die heute alle erfolgreich im Berufsleben stehen. Als ich ihm vor 15 Jahren einmal riet, sich auf die Führungsaufgabe in dem Bund der Waldorfschulen zurückzuziehen und wenigstens nicht mehr dauernd noch zu unterrichten, antwortete er mir: „Wenn ich nur organisiere, kann ich nicht leben. Ich muß in die Augen der Kinder schauen können. Ich muß lehren, dann kann ich auch das Lehren anderer organisieren.“

Alle Waldorfschulen sind einheitliche Volks- und höhere Schulen. Schon 1949 hat Theodor Bäuerle, der damalige württembergische Kultusminister, die Waldorfschulen „als die einzige mir in Deutschland bekannte echte und wirkliche Einheitsschule“ bezeichnet. Aber diese Einheitsschule ist gleichzeitig die Schule der Zuwendung zum Kinde, die Schule ohne Bürokratie, die das Vorbild einer menschlichen Schule hat. Viele Fragen, die uns heute beschäftigen, von der Differenzierung bis zur ständigen Lehrplanrevision, von der Mitwirkung der Eltern bis zur Einheit von Theorie und Praxis, sind an den Waldorfschulen zuerst aufgegriffen worden. Konzentrationsbemühungen wie der Epochenunterricht sind nach den Erfahrungen der Waldorfschulen auch von vielen anderen Schulen übernommen worden. Die pädagogische Arbeit in einer Atmosphäre ständigen Gesprächs habe ich selbst in diesen Schulen kennengelernt. Durch mehrere Jahrzehnte habe ich jedes Jahr mindestens einmal auf den großen Lehrertagungen dieser Schulbewegung gesprochen als Nichtanthroposoph, als Außenseiter, und doch immer wieder fasziniert von der pädagogischen Kraft, die hier am Werke war; und von der Bereitschaft zum offenen Gespräch, die einem hier begegnete und die auch die Eltern immer wieder zur Beteiligung am erzieherischen Prozeß in der Schule zu gewinnen wußte.

Vielleicht ist einer der Gründe, warum Ernst Weißerts Name in diesen Wochen nicht in der Presse erschien, die Tatsache, daß die Waldorfschulen in hohem Maße eine demokratische Personenbewegung sind, die Einzelpersonen nicht herauszustellen pflegt. Aber jeder, der in den letzten drei Jahrzehnten mit dieser Schulbewegung in Berührung kam, hat die schöpferische Kraft und die ständig andere befruchtende Vitalität des Erziehers Ernst Weißert kennengelernt.

Viele Deutsche halten die Waldorfschule für eine Schule von Sektierern. Es ist wichtig zu wissen, daß die große Masse der Waldorf-Eltern – vermutlich etwa 90 Prozent – Nichtanthroposophen sind, die ihre Kinder aber dieser Schulbewegung anvertrauen, weil sie von ihrer erzieherischen Arbeit begeistert sind und weil ihre Kinder auf diesen Schulen glücklich werden. Dabei wurde es der Schulbewegung nicht leichtgemacht. Durch ihre grundsätzliche Wendung gegen Auslese – Kinder in der Waldorfschule werden altersspezifisch weiterversetzt – war es schwierig, sie in das staatliche Examenssystem einzupassen.

In geduldigen Verhandlungen mit allen deutschen Kultusministerien haben Ernst Weißert und seine Mitarbeiter erreicht, daß in einer Übergangsklasse am Ende der Waldorfschule die Möglichkeit zu einem staatlichen Abitur gewährt wurde, und erstaunlicherweise ist der Prozentsatz derer, die dieses Abitur bestehen, größer als bei unserem herkömmlichen Auslesesystem. Aber Ernst Weißert hat den Sektierervorwurf auch auf andere Weise widerlegt. Er hat noch zusammen mit Erich Schwebsch die anthroposophisch orientierten Waldorfschulen in eine enge Arbeitsgemeinschaft mit Jesuiten und Herrnhutern, mit Landerziehungsheimen und Montessori-Schulen geführt. Die Arbeitsgemeinschaft der Freien Schulen, in der heute die Gesamtheit der Schulen in freier Trägerschaft organisiert ist, stellt eine Überwindung des Sektierergedankens dar. Ernst Weißert hat dafür gesorgt, daß die Waldorfschulen nicht in einem Getto von Gleichgesinnten blieben, sondern auch in die Lage kamen, eine Wirkung nach außen über die Grenzen ihrer eigenen Schulen hinweg zu entfalten. Er war auch der Träger des Kontakts mit den ausländischen Waldorfschulen von Schottland bis New York und von Stockholm bis Südafrika.