Ich will nicht sagen, daß Israel nicht kritisiert werden soll. Israels dumme, kurzsichtige, teilweise katastrophale Politik muß kritisiert Werden. Aber wer ist es, der da aufsteht und sich über Israel empört? Über die Siedlungspolitik, über die Verletzung der Menschenrechte in den besetzten Gebieten, über die soziale Benachteiligung der israelischen Araber? Es sind dieselben, die die sowjetische Besatzung Afghanistans gutheißen, das bekanntlich den Bestand der Sowjetunion bedroht hat; die nicht mal wissen, daß Tibet von China besetzt gehalten wird, die Pol-Pots Terrorregime in Kambodscha für eine revolutionäre Volksregierung hielten und über drei Millionen Tote hinwegsehen. Es sind dieselben, die Begin einen Terroristen nennen, die vor jedem Despoten, sei es nun Idi Amin, Ghadaffi oder Chomeini, Honeurs machen, wenn er sich nur mit dem Etikett „antiimperialistisch“ schmückt; dieselben, die es einen Dreck interessiert, wie die Kurden in der Türkei langsam, aber sicher kulturell endgelöst und im Iran und Irak zu Hunderten massakriert werden; die vom Völkermord in Äthiopien noch nie was gehört haben und die über die anhaltende Sonderbehandlung der Zigeuner in der Bundesrepublik hinwegsehen. – Was bildet Ihr Euch eigentlich ein? Wo nehmt Ihr Eure Arroganz her? Den halben Tag seid Ihr mit Sprücheklopfen beschäftigt, den anderen halben Tag damit, die richtigen „Einschätzungen“ zu suchen. Aus keinem politischen Schaden werdet Ihr klug. Die Entwicklung in China hat Euch total überrollt, so schnell konntet Ihr Eure ewig gültigen Standpunkte nicht revidieren, wie die Pekinger Volkszeitung den Kurs wechselte. Der Krieg zwischen den irakischen und den persischen Revolutionären hat Euch die Sprache verschlagen. Zur Einführung der Vorbeugehaft in Indien fällt Euch genausowenig ein wie zu den dortigen Rassenunruhen, die Tausende von Menschenleben kosten. Daß im Iran Homosexuelle, Ehebrecherinnen und Prostituierte staatlich ermordet werden, rührt Euch nicht an.

Euer freischwebendes Sympathiepotential für die Völker der Dritten Welt wandert von Kontinent zu Kontinent, um-sich mal hier, mal da für eine Weile abzusetzen. Im Augenblick ist es El Salvador, vor einem Jahr war es Rhodesien, im Jahr davor Timor; Und wenn im kommenden Frühjahr die Karottenhosen nicht mehr modern sind, werdet auch Ihr etwas Neues für den fernrevolutionären Gebrauch entdeckt haben, vielleicht eine Befreiungsfront, welche die Antarktis vom Packeis befreien will.

Es gibt in Eurem wechselnden Repertoire nur einen Dauerbrenner: Palästina. Kein Stück Land ist Euch näher, kein Volk liegt Euch mehr am Herzen, kein Konflikt brennt Euch mehr auf den Fingernägeln. Euer Interesse an den Palästinensern hat nur einen einzigen vitalen Grund: daß es Juden sind, von denen sie unterdrückt werden. Nur darauf kommt es an, dies ist der Motor, der Euch antreibt, Ihr würdet an die Palästinenser sonst keinen Gedanken verschwenden, sie sind für Euch nur die Alibikulisse, vor der Ihr Euer antisemitisches Programm aufführt. Auch das läßt sich beweisen.

Kein Linker hat sich empört, daß es junge Deutsche waren, Nachkriegskinder, die in Entebbe eine Selektion jüdischer Passagiere durchführten. Ihr habt Euch erst aufgeregt, als ein israelisches Kommando die Geiseln befreite. Da habt Ihr Kondolenztelegramme an „Seine Exzellenz Idi Amin“ geschickt und die „Verletzung der staatlichen Souveränität Ugandas“ aufs schärfste verurteilt.

Als ob „staatliche Souveränität“ für Linke was Heiliges wäre. Die Verletzung der staatlichen Souveränität war Euch denn auch egal, als ein deutsches Terrorkommando die BRD-Botschaft in Stockholm überfiel.

Gleichgültigkeit gegenüber Tatsachen

Es ist das alte Spiel, das Ihr mit immer neuen Varianten aufführt: Juden wird weniger erlaubt als anderen, aber es wird ihnen mehr zugemutet: daß sie sich schlagen und demütigen lassen, daß sie allenfalls klagen, aber nicht zurückschlagen. Und wenn sich Juden so benehmen, wie es andere schon, immer getan haben, dann schwillt Euch der Kamm, das könnt ihr nicht haben, ob es nun ein jüdischer Hausbesitzer in Frankfurt ist oder ein israelisches Kommandounternehmen inAfrika.