Bremen: „Domenico Gnoli“

Der Einfluß der Pop Art auf den 1970 mit kaum siebenunddreißig Jahren in New York gestorbenen Maler aus Rom ist unbestreitbar, einzuordnen ist sein Werk aber doch vielmehr in die Tradition eines Magischen Realismus. Aus dem Zusammenhang gerissen, erscheint bei Gnoli das nebensächliche Detail eines gewöhnlichen Dinges als bildfüllende Hauptsache. Eine halbe Krawatte zum Beispiel bläht sich auf zu einem absurden Monument, in dem die rippige Struktur des Stoffs akribisch reproduziert ist. Isoliert und überdimensioniert, verlieren die Gegenstände das vertraute Gesicht. Irritierend wirken die Arbeiten dadurch, daß sie etwas aussparen, was sie den Erwartungen entsprechend enthalten sollten. „Ohne Stilleben“ ist ein Bild von einem Tisch, auf dem nichts steht. Ein Sessel, in dem niemand sitzt, ist nicht einfach ein Sessel. Er ist ein Zeichen für die Abwesenheit einer Person. „Der alltägliche Gegenstand, losgelöst aus seinem uns vertrauten Zusammenhang, erscheint als das beängstigende Zeugnis unserer Einsamkeit“, sagte Gnoli. Er brauchte keinen Gliedermann und keinen Seherblick, um den Zustand der Verlorenheit zu bezeichnen. Die einfache Beschreibung von Tischen im Restaurant, die zusammengeschoben sind und zu denen die Stühle fehlen, reicht dafür aus. Die Menschen selbst zu malen, ist für Gnoli zu einem fragwürdigen. Unternehmen geworden. Jedenfalls brachte, er es nicht mehr fertig, sie zu porträtieren. Von hinten, in Teilabschnitte zerlegt, werden sie zur natura morta. Sie verschwinden in Kleidungsstücken und in Betten. Bis 1963 vertrat Gnoli eine eher naive, mit dem Blick auf Dubuffet ganz mit einer flächendeckenden Kruste verwachsene Figuration. Durch die Beimischung von Sand in die Farbsubstanz brachte er die Bildfläche aber auch da noch ins Spiel, wo er mit einer wirklichkeitsgetreuen Nachbildung von Dingen begann. Seine Bilder lösen sich nicht in Nebel auf, wenn man nah an sie herangeht. Ihre stoffliche Schwere vermittelt sich den Gegenständen, die sie repräsentieren. Gnoli verwandte viel Geduld darauf, die Textilien sorgfältig strichelnd mit Mustern zu überziehen. Er verlor sich in Ornamenten, offenbar weil sich ihm andere Anhaltspunkte kaum noch boten. So gesehen ist der ästhetische Reiz der gemalten Gewebe ein Produkt der Ratlosigkeit, nicht ein auf den Publikumsgeschmack berechnetes Zugeständnis. Bei Magritte lauert gleich neben der gemütlichen Stube ein gefräßiges Nichts. Gnoli artikuliert seinen Zweifel an der Solidität der Dinge, indem er sich so auffällig am Dekor, an den Decken und Bedeckungen festhält. Von dem schweren Körper einer römischen Matrone ist nicht mehr verbürgt als das Stück stoffüberspannter Oberfläche, das das Bild zum Scheinrelief macht. Kissen und Polstermöbel entsprechen einem verkümmerten Begriff von Geborgenheit Das menschliche Gegenüber als Objekt sinnlicher Zuwendung muß ein Pelzmantel vertreten, ein Bett, das die Formen der Matrone assoziieren läßt. Am Schluß wird die fremde Welt der Gegenstände zur Bedrohung, werden die Aussagen darüber aggressiver. Man hätte sich vielleicht noch das eine oder andere Bild für die Ausstellung gewünscht, bedauerlich ist auch, daß der Katalog nicht etwas üppiger ausgefallen ist. (Kunsthalle Bremen bis 22. März, Katalog 24 Mark)

Volker Bauermeister

München: „H H Merveldt“

Giorgio de Chiricos Forderung nach einer „Rückkehr zum Handwerk“ hat eine Bewegung gegen die Avantgarde ausgelöst, der Künstler mußte sich nun für die Tradition entscheiden oder für das Neue. Die Frage, ob Modernität auch außerhalb der avantgardistischen Strömungen möglich war, stellte sich eigentlich gar nicht, da die beiden Standpunkte unvereinbar erschienen. Die Malerei von Hanns Hubertus Graf von Merveldt (1901–1969) zeigt, daß dieser dritte Weg durchaus gangbar war. Ausgehend von Cézanne, dem er entscheidende Anregungen verdankte, aber unbeeinflußt durch die Entwicklung, die von da zum Kubismus und weiter zum Konstruktivismus führte, bewegte er sich auf eine Malerei zu, die zwischen Tradition und Moderne vermittelt, in der die Erinnerung an die alten Meister ebenso präsent ist wie die Auseinandersetzung mit Matisse oder Braque. Die Stilleben, Figurenbilder und Landschaften aus den frühen dreißiger Jahren enthalten deutliche Ansätze zu dieser Kunst der Synthese – damals hatte Merveldt auch, erste Einzelausstellungen, nahm er teil an wichtigen Ausstellungen junger deutscher Kunst, erhielt er Preise und Stipendien. Dann kam der Nationalsozialismus und mit ihm die staatlich verordnete Kunst. Nachdem Hitler höchstpersönlich ein Gemälde von Merveldt aus seinem Münchner Kunsttempel hatte entfernen lassen, erhielt der Maler Ausstellungsverbot, wurde er zum entarteten Künstler erklärt Damit war seine Entwicklung in den entscheidenden Jahren jäh abgebrochen, er mußte nach 1945 noch einmal neu beginnen. Wichtigster – Bezugspunkt blieb weiterhin Cézanne, in einer Kunstsituation allerdings, die immer stärker von abstrakten Tendenzen bestimmt war – die Bildarchitektur wird einfacher, klarer, kubische Formen tauchen auf, das Gegenständliche ist gelegentlich bis an die Grenze des Abstrakten reduziert, die Farben werden kälter, aber auch leuchtender. Merveldts Überlegungen, die Tradition mit der Gegenwart zu verbinden, wirkten nach Lage der Dinge um 1960 einigermaßen unzeitgemäß, heute jedoch sind sie durchaus wieder aktuell. (Galerie von Abercron, bis Ende März; Katalog 20 Mark)

Helmut Schneider

Wichtige Ausstellungen