Von Aloys Behler

Keiner kann so schön an den Reportern vorbeigehen wie er. Ingemar Stenmark macht keinen Hehl daraus, daß ihm die Vertreter der privaten wie der öffentlich-rechtlichen Neugier auf seinen Fersen überaus lästig sind. Manchmal aber läßt es sich einfach nicht vermeiden, daß er einem von ihnen ins gezückte Mikrophon, oder ins offene Notizbuch läuft. Dann zerrt er an der Interviewleine wie ein angebundener Schlittenhund. Wenn Ingemar Stenmark, die Nummer eins unter den Slalomartisten des Skizirkus, nach Siegen interviewt wird, hört sich das etwa so an;

Reporter: „Wie erklären Sie sich, Herr Seenmark, daß Sie im ersten Lauf nur Fünfter (Siebter, Neunter) geworden sind?“

Ingemar Stenmark, die blauen Augen in die Ferne gerichtet: „Ja, ich weiß auch nicht; die anderen sind eben schneller gefahren.“

Reporter: „Und wie haben Sie es geschafft, im zweiten Lauf dann diese tolle Zeit zu erzielen und damit doch noch Sieger zu werden?“

Ingemar Stenmark, schon etwas unwirsch, von einem Fuß auf den anderen tretend: „Ja, ich weiß auch nicht; wenn man hinten liegt, muß man eben schneller fahren.“

Dieses Standardmuster eines hochalpinen Frage- und Antwortspiels hat sein historisches Vorbild ganz offensichtlich im Hornberger Schießen. Da mag einer noch so klug oder dumm fragen, Ingemar Stenmark ist nichts zu entlocken, was über den Nachrichtenwert einer Zeitansage wesentlich hinausginge. Seine Auskünfte haben etwas von der philosophischen Tiefe jener Sprüche, mit denen der alte Fußball-Bundestrainer Sepp Herberger einst das runde Leder auslotete.

Ingemar Stenmark stammt aus dem Lappländischen. Sein Heimatort Tärnaby, ein 800-Seelen-Dorf, liegt tausend Kilometer nördlich von Stockholm, hundert Kilometer südlich des Polarkreises, in einer schönen, gottverlassenen Gegend. In dieser Herkunft, sagt man, liege der Grund dafür, daß Ingemar Stenmark nur eines noch besser könne als Ski fahren: schweigen. In Schweden haben sie ihn wegen seiner Verschlossenheit die „Greta Garbo auf Skiern“ genannt.

Über so etwas lächelt er müde. Starallüren, die ein solch göttlicher Vergleich, halb vorwurfsvoll, halb bewundernd, unterstellt, würde er sich selbst nicht verzeihen. Ein Star? „Anti-Star“ schrieben die Reporter des Züricher Fachblatts Sport immer noch freundlich, nachdem sie, die im Wintersportmetier nun wirklich den allerbesten Draht haben, dem Schweden mit Bahn und Auto tagelang quer durch die Schweizer Bergwelt nachgereist waren – immer von einem vereinbarten Gesprächstermin vertröstet auf den nächsten.

Mit seiner standhaften Verweigerung gegenüber jeglichem publizistischen Rummel macht es Ingemar Stenmark auch seinen Freunden nicht leicht. Dem schweizerischen Fernsehen schlug er ein Interview ab mit den Worten, er habe auch dem schwedischen noch keins gegeben. Am liebsten hält er sich ganz heraus und schickt seinen Coach vor, den Südtiroler Hermann Nogler. Der wisse sowieso alles über ihn und manches sogar besser...

Daß ein so ausgeprägtes Antistar-Gebaren im Endeffekt unter Umständen einer schönen Starallüre zum Verwechseln ähnlich sein kann, hat kürzlich das Beispiel des deutschen Schach-Großmeisters Robert Hübner gezeigt, der auch mit keinem Menschen reden wollte und eben deshalb ins Gerede kam. Dies liegt in der Logik des Schaugeschäfts und auch des Sports, wo er als Schau betrieben wird. Nun haben der Großmeister des Skisports und der Großmeister des Schachs gewiß nicht vieles gemeinsam – im Getablen naiven Selbsteinschätzung: er sieht in sich selber nicht mehr als einen sehr guten Skifahrer, und er vermag nicht einzusehen, was darüber hinaus an seiner Person für andere interessant sein sollte. Daß einer nur seiner Skikünste wegen als Nationalheros in Anspruch genommen wird, irritiert ihn; Vokabeln wie „Idol“ und „Symbol“, gensatz zum Geistesathleten Hübner ist Stenmark ein Mann ganz unkomplizierter Denkungsart, nicht die Spur exzentrisch –, doch in einem Punkt denkt der eine wie der andere, einen Satz könnten sie aus tiefster Überzeugung im Duett deklamieren, und der lautet: Mein Sport gehört mir!

Was bei Hübner aus intellektueller Reserve kommt, kommt bei Stenmark aus einer respeköffentlich auf Ingemar Stenmark aus Tärnaby gemünzt, bereiten ihm Unbehagen. Daß ihm die Verehrerpost eine Zeitlang waschkorbweise – bis zu siebenhundert Briefe am Tag – ins Haus kam, hat er mit ungläubigem Staunen registriert und dazu gesagt, die Leute seien wohl nicht recht klug.

Schüchtern sei er, sagen alle, die nicht begreifen können, daß sich ein Mensch in einer Branche, in der auch längst Klappern zum Handwerk gehört, ein solches Defizit an Redseligkeit leistet. Doch schüchtern ist Ingemar Stenmark nicht. Wenn er etwas sagen will, weiß er durchaus den Mund aufzutun. So hat er erst kürzlich den Organisatoren an einigen Stationen des alpinen Slalomkarussells gründlich die Leviten gelesen: sie täten zu wenig für die Rennläufer, ließen sie in ungeheizten Räumen in nassem Zeug frieren, gefährdeten durch mangelhafte Absperrungen die Gesundheit und das Leben von Kindern ... Ingemar Stenmark, wie ihn bislang keiner kannte. Die Herren faßten sich ungläubig an ihre Ohren.

Wenn es um die Bedingungen seines Sports geht, kennt der Schwede keinen Spaß. Er ist ein Perfektionist, alles Unvollkommene ist ihm ein Greuel. Mit sechzehn Jahren ist er, der als Siebenjähriger sein erstes Skirennen bestritt (und gewann), von der Schule abgegangen, um – ähnlich wie sein tennisspielender Landsmann Björn Borg – in seinem Sport der Beste zu werden. Schon nach zwei Wettkampfwintern gewann er 1976 zum erstenmal den Weltcup, die begehrteste und sportlich wertvollste Trophäe der Saison. 1977 und 1978 wiederholte er den Erfolg, und nach einer Unterbrechung von zwei Jahren, in denen der Modus die Abfahrtsläufer gegenüber den Slalomläufern etwas begünstigte, hat er nun 1981 die große Chance, zum viertenmal Weltpokalsieger zu werden.

Das Geheimnis seiner Erfolge liegt zur Hälfte im Genie (Toni Sailer seinerzeit über den jungen Stenmark: „Dem muß man nichts beibringen, der kann alles“), zur anderen Hälfte in der Pedanterie, mit der er sich auf seine Wettkämpfe und zwischen den Wettkämpfen vorbereitet. In dieser Konzentration will er durch nichts gestört sein, was ein weiterer Grund ist für seine Abneigung gegen jeglichen Trubel um seine Person. Als er nach seinen olympischen Siegen im Slalom und Riesenslalom von Lake Placid die sogenannte „B-Lizenz“ erwarb, ein Papier, das ihm zwar eine weitere Teilnahme an Olympischen Spielen verwehrt, aber unbeanstandetes Geldverdienen in großem Stil ermöglicht, da hat er sich beim Abschluß von Werbeverträgen mit der Industrie extra ausbedungen, niemals zwischen den Rennen zu Autogrammstunden delegiert zu werden.

Man darf das nicht falsch verstehen: Dies ist keine Mißachtung seiner Fans, auch keine Mißachtung der hohen Einkünfte, die ihm seine Popularität garantiert. Ingemar Stenmark genießt es durchaus, daß sein Sport ihn. wohlhabend gemacht hat. Erst kürzlich hat er mit einem italienischen Schuhhersteller einen Vierjahresvertrag über drei Millionen Mark abgeschlossen, und sein Wohnsitz ist nur deshalb noch nicht Monte Carlo, weil er noch keine Daueraufenthaltsgenehmigung bekommen hat. Aber: Alles, was er tut oder mit sich machen läßt, prüft er unter dem Gesichtspunkt, ob es seiner Leistung nützt oder schadet.

Stenmark ist, anders als so viele, kein Produkt des Sports; der Sport ist, darauf besteht er altmodisch, vielmehr ein Produkt von ihm. In seinem Hang zum Perfektionismus und zum Individualismus hat sich Ingemar Stenmark mit Leib und Seele dem Tanz zwischen den Slalomstangen verschrieben. Nur in Ausnahmefällen hat er sich zur Teilnahme an Abfahrtsrennen verleiten lassen, zuletzt Mitte Januar in Kitzbühel, wo er – langsam, aber sicher – mit neun Sekunden Rückstand auf den Sieger ins Ziel kam. Er hat es getan, um zu beweisen, daß er als Slalomartist auch die schwerste Abfahrtspiste mit Anstand zu meistern versteht, aber er wird es wahrscheinlich nicht wiederholen. Alles in der Seele des Perfektionisten Stenmark sträubt sich dagegen, hinterherzufahren.

Im Zeitalter der Spezialisten gibt es keine Allround-Skiläufer mehr, die wie einst Sailer oder Killy in allen drei alpinen Disziplinen gleichermaßen dominierende Figuren sind. So bekam Stenmark als Dritter der Kombinationswertung aus Slalom und Abfahrt in Kitzbühel 15 Punkte gutgeschrieben, ein Sümmchen, das im Endeffekt für seinen vierten Gewinn des Weltpokals den Ausschlag geben könnte. Zur Zeit führt der Schwede mit 260 Punkten vor dem Amerikaner Phil Mahre mit 219 – ein nur scheinbar sicherer Vorsprung. Mahre kann Stenmark noch ein- und überholen, auf schwedischem Boden hat er ihn jüngst sogar im direkten Duell. besiegt.

Wenn es tatsächlich dazu kommen sollte – Ingemar Stenmark, der im März 25 Jahre alt wird, hat sich für diese Saison mehr vorgenommen als den Gewinn des Weltpokals: er wird im Mai heiraten. Das hat er in diesen Tagen öffentlich erklärt, und für seine Verhältnisse war dies geradezu ein Ausbruch von Mitteilungsbedürfnis. Es gibt – man glaubt es kaum – für ihn wahrhaftig Wichtigeres als Ski fahren.