München

München! Polizei-Vizepräsident Georg Wolf ist wohl genau das, was man sich gemeinhin unter einem Spitzenbeamten im besten Sinne vorstellt. Das Fachwissen des promovierten Juristen wird auch an der Bayerischen Verwaltungsschule geschätzt, seine Polizeibeamten loben die korrekte, stets ruhig-freundliche Art des Chefs. Und da der 60jährige Ende der Woche in Pension geht, hat ihm am Montag die CSU-Mehrheit im Rathaus als besondere Ehrung die Medaille „München leuchtet“ verliehen. Grund genug also, sich nach 40 Dienstjahren zufrieden zur Ruhe zu setzen. Doch Georg Wolf, der eigentlich „immer im Hintergrund bleiben wollte“, spricht in diesen Tagen von „Rufmord“, von „Diffamierung“; Seit Münchens Polizei-Vize knapp zwei Wochen vor der Bundestagswahl dem Unionskanzlerkandidaten und Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß zu widersprechen wagte, tobt im Freistaat ein fast aussichtsloser Kampf um die verlorene Ehre des Georg Wolf.

Ob ein wahlkampfgestreßter Strauß am 23. September bei einer CSU-Kundgebung auf dem Münchner Marienplatz Wolf aus dem Amt jagte und damit die Verfassung brach, das versucht seit Dezember ein Untersuchungsausschuß des Landtags zu klären. Doch weil längst „klar ist, daß es unklar bleibt“ (so die Münchner Abendzeitung), will Wolf seine „volle Rehabilitierung“ jetzt selbst in die Hand nehmen – notfalls sogar vorGericht ziehen. Er mag nicht auf sich sitzen lassen, was Strauß ihm nach einem Streit um die Entfernung von einigen linken Gegendemonstranten erregt („Sie sind doch der Wolf, der Wolf?“) an den Kopf warf. Denn Strauß wollte mit dem Spitzenjuristen nicht nur Rechtliches diskutieren (Strauß: „Er klammerte sich an seine Rechtsauffassung wie an einen Strohhalm“), er beglich auch gleich alte Rechnungen. Der Vorwurf, Wolf sei doch der „Versager von Fürstenfeldbruck“ – mithin verantwortlich für den Tod von elf israelischen Geiseln beim Olympiamassaker 1972 – traf dabei am tiefsten.

Zwar forderte die Münchner Polizei tags drauf „so etwas wie eine Entschuldigung“ von Strauß, doch der hakte bis heute immer wieder nach. Im internen CSU-Krach etwa meinte er, die verantwortlichen Polizisten von Fürstenfeldbruck seien „zu nicht mehr fähig gewesen, als Bleistifte Zu spitzen und Klopapierrollen zu stapeln“. Innenminister Gerold Tandler, als oberster Wolf-Vorgesetzter auch zur Fürsorge seinen Beamten gegenüber verpflichtet, kam seinem Parteichef zur Hilfe. Vor Journalisten klagte er, Wolf habe sich polizeitaktisch „offensichtlich nicht richtig“ verhalten, im Landtag fügte er gar hinzu, der Polizei-Vize habe „die Nerven verloren“. Das widersprach zwar fast allen Zeugenaussagen, half aber dem bedrängten Ministerpräsidenten.

Seit letzten Freitag ist für das Tandler-Ministerium aus dem Musterbeamten Wolf endgültig der „böse Wolf“ geworden: Er erklärte öffentlich, Strauß habe im Untersuchungsausschuß „die Unwahrheit gesagt“, als er; die Absetzung bestritt. Das Innenministerium rüffelte daraufhin Wolf, wie er dazu käme, „ungehörige Wertungen über den Ministerpräsidenten“ abzugeben. Der Polizei-Vizepräsident nimmt es mit Galgenhumor: „An das Märchen vom ‚bösen Wolf kann eigentlich nur noch der glauben, der sich auch vor dem „schwarzen Mann‘ fürchtet“, meinte er bei seiner Abschiedsfeier im Münchner Polizeipräsidium. Bernd Kühnl