Sie waren die Brutalsten die angeklagten Frauen

Von Dietrich Strothmann

Düsseldorf, im März

Der Karneval forderte sein Recht. Auch der Richter mußte sich ihm beugen. Außer der Reihe berief Günter Bogen die nächste Verhandlung für Mittwoch ein, für Aschermittwoch.

Der Fröhlichkeit hatte der Schrecken zu weichen. Zum Erschrecken über das, was im Schwurgerichtssaal 111 des Düsseldorfer Landgerichts seit nunmehr 451 Sitzungstagen – das sind zusammengenommen fünf Jahre und drei Monate – zur Sprache gekommen ist, reicht es ohnehin nur noch für wenige und nur noch in Ausnahmefällen: für ein paar Zuhörer und bei besonders erschütternden Zeugenaussagen, wie sie etwa letzte Woche von den beiden Anklägern in ihren Plädoyers noch einmal zitiert wurden. Sonst aber haben sich die Prozeßbeteiligten an das Grauen längst gewöhnt, manche von ihnen gewöhnen müssen, um es überhaupt aushalten, durchhalten zu können so lange Zeit. Vieles ist zur Routine, zum Ritual erstarrt: noch ein Beweisantrag, noch eine Zeugenaussage, noch eine juristische Spitzfindigkeit, noch eine Prozeßpause.

Der „heilende Zeitablauf“, die „Gnade des Vergessens“, die „abstumpfende Distanz“ – nur Ausredefloskeln, Exkulpationsvokabeln? Schließlich geht das Leben doch weiter, selbst – wie dieser Tage in derselben Stadt, vor demselben grauen Gerichtsgebäude – mit Jubel, Trubel, Heiterkeit. Leben nicht auch die Überlebenden weiter, wenn sie im Schlaf auch manchmal schreien vor der Angst, an die sie sich immer noch, immer wieder erinnern?

Doch da ist das Recht, dem in einem Rechtsstaat Genüge getan werden muß, so schwierig das, 35 Jahre nach der Tat, auch sein mag. Da sind, vor allem, die Opfer – mindestens 250 000 in diesem einen Vernichtungslager bei Lublin –, deren Leiden und Sterben gesühnt werden müssen, sofern es Menschen möglich ist, dafür zu strafen und zu büßen. Da ist die Geschichte dieses Leidens und Sterbens, das erst vor den Schranken des Gerichts ans Tageslicht gekommen ist, aufbewahrt nun in Hunderten von Aktenbänden für alle Zeit. Wenngleich es auch nur wenige sein werden, die sich den Qualen dieser Geschichte freiwillig unterwerfen.

Laßt doch die Toten ruhen? Diese Toten ruhen nicht, geben keine Ruhe.

Jenes Kind, das von seinem Vater, als er in dem Lager ankam, in einem Rucksack versteckt worden war. Als es sich bewegte, schlug die Aufseherin Hermine Braunsteiner mit der Peitsche auf das schreiende, weinende Kind und trieb es dann in die Gaskammer.

Jene junge Frau, die schwanger war, und auf die Hildegard Lächert, eine andere Aufseherin, ihren Schäferhund hetzte, der sie zerfleischte. Jene Mädchen, die von Hermine Braunsteiner ausgepeitscht wurden, weil sie ihre Häftlingsnummer nicht korrekt angenäht, Strümpfe getragen, Kissen unter die dünne Kleidung gebunden oder sich über das .ausgebliebene Essen beklagt hatten. Wer nach solchen Schlägen nicht gleich tot, wer nur verletzt war, kam am nächsten Tag in die Gaskammer.

Jener Junge, dem die Aufseherin Lächert vor der Gaskammer eine Decke vom Körper riß: „Du brauchst keine Decke. Dort, wo du hinkommst, ist es wann!“ Oder jenes Mädchen, das voller Furcht vor ihrem schrecklichen Erstickungstod fragte: „Gelt, Herr Blockführer, wir werden nicht vergast?“

Oder jener Mann, der von Hildegard Lächert mit ihrer Eisenkugel-Peitsche und ihren eisenbeschlagenen Stiefeln so lange geschlagen und getreten wurde, bis er „nicht mehr wie ein Mensch aussah“. Oder jene beiden jungen Griechinnen, die von ihr in die Latrinengrube gestoßen wurden und im Kot ertranken. Oder die Kinder, die sich auf einen Essenskübel stürzten und von Hermine Braunsteiner mit einer langen Suppenkelle blutig geschlagen wurden, reif für das Gas.

Bei freier Kost und Logis

Frauen in Majdanek, auf den beiden Seiten des Stacheldrahts, der den Tod vom Leben trennte. Die einen wurden dorthin getrieben, weil sie „ausgemerzt“ werden sollten. Die anderen kamen, als Angestellte der Mordmaschinerie, um dort besser leben zu können: die Hausgehilfin Hermine Braunsteiner aus Wien, 23 Jahre alt, blond und schlank – weil sie in Majdanek statt der wöchentlich 16 Reichsmark in einer Berliner Munitionsfabrik das Vierfache verdiente, bei freier Kost und Logis; die Fabrikarbeiterin Hildegard Lächert aus Berlin, 22 Jahre alt, eine Schönheit, wie sich Zeuginnen noch später erinnern, selber unehelich mit zwei unehelichen Kindern – weil sie dort ein angenehmeres Leben erwartete.

Wie aber wurden sie zu den Furien, die sie waren, grausamer in ihrem Sadismus oft als die Männer im Majdanek? Ohne die SS, ohne dieses Lager, hätten sie ein ordentliches, unauffälliges Leben geführt, stellte die Anklage fest; wie sie ja auch später – nach Haftstrafen in Österreich und Polen – ein ordentliches, unauffälliges Leben führten: Hermine Braunsteiner, die von ihren drei Jahren schweren Kerkers wegen Häftlingsquälerei im Lager Ravensbrück nur fünf Monate absitzen mußte, ging nach Kanada, heiratete den amerikanischen Flugzeugmechaniker Ryan und zog in die Nähe New Yorks. Hildegard Lächert, die in Krakau wegen „Mißhandelns, Beleidigens und Bestehlens“ von Häftlingen in Auschwitz zu 15 Jahren Haft verurteilt und nach zehn Jahren amnestiert wurde, lebte als geachtete Rentnerin in einem Dorf bei Heidelberg. Von Majdanek war in ihren ersten Prozessen ebensowenig die Rede wie später in ihrer privaten Umwelt. Das Morden schien vergessen, wie die Mörderinnen. Und auch jetzt, in den fünf Jahren und drei Monaten ihres zweiten, endgültigen Verfahrens, geben sie nicht zu erkennen, geben die Aussagen über ihre Unmenschlichkeit keinen Hinweis, warum sie wurden, was sie waren.

Kinder, Säuglinge darunter und kranke Zehnjährige, waren für sie nur „unnütze Esser“, eine „gefährliche Brut“. Aber daß sie diese Kinder zu Tode prügelten, sie an Armen und Beinen wie „Schlachtvieh“ auf die Lastwagen warfen oder sie mit Süßigkeiten zum Transport in die Gaskammer anlockten, nachdem sie zuvor die weinenden, klagenden Mütter weggepeitscht hatten ... Hildegard Lächert empörte sich vor Gericht: Wie könne sie, „tiefreligiös“, solcher Grausamkeiten beschuldigt werden, wo sie doch selber Mutter zweier Kinder sei? Das ist eine Frage, die keine Antwort findet, die verständlich wäre.

Frauen, junge und alte, waren für sie „Scheiße“ (Braunsteiner zur späteren Zeugin Steiner), Selektionsopfer, die sie „lachend an den Haaren“ aus der Reihe zogen, auch solche, die von den selektierenden SS-Ärzten übersehen worden waren. Hermine Ryan-Braunsteiner beklagte sich vor den Richtern über die Zustände in Majdanek: „Der ganze Eindruck und die ganze Atmosphäre hat mich seelisch sehr belastet, als Frau.“ Warum sie es aber fertigbrachte, andere Frauen zu quälen und zu töten, konnte sie nicht erklären, wollte es auch nicht.

Ein Zeuge sagte in Düsseldorf einmal über eine der beiden Angeklagten: „Sie lief über die Leute, als seien sie Vieh.“

Die Banalität des Bösen ist das eine wie diese beiden Angeklagten damals in die Hölle von Majdanek gerieten, ohne vielleicht anfangs zu wissen, wie es dort war, was sie dort zu tun hatten; wie sie dort jahrelang in einer Wohnbaracke der Lagerkommandantur lebten, die eine – Braunsteiner – als Stellvertreterin der Oberaufseherin Ehrich, ausgezeichnet mit dem Kriegsverdienstkreuz 2. Klasse, die andere – Lächert – als Aufseherin des „Gärtnereikommandos“, in deren SS-Führungszeugnis immerhin vermerkt worden war, sie „tobe“ mit den Häftlingen.

Das andere ist, warum, wodurch einer zum Bösen wird – wie diese beiden Frauen, die damals knapp über zwanzig Jahre alt waren, hübsch und ohne Makel. Männer haben sich zum unbeliebten nächtlichen Wachdienst, sogar zum Fronteinsatz gemeldet, nur um nicht die „Dreckarbeit“ des Quälens und Mordens machen zu müssen. Andere mitangeklagte Aufseherinnen, die vor zwei Jahren in Düsseldorf freigesprochen werden mußten, hatten von den Häftlingen Kosenamen bekommen, weil sie „noch menschlich zu uns gewesen waren“. Die eine nannten sie „Perle“, die andere „München“, Hermine Ryan-Braunsteiner aber hieß nur „Stute“, Hildegard Lächert „blutige Brygida“. Wo sie auftauchten, breiteten sich Angst und Schrecken aus; wo sie auftraten, wurde geschlagen, gepeitscht, getötet.

Gesichter wie Masken

War es, daß sie plötzlich spürten, welche Gewalt sie über andere hatten, die zu ihnen aufzusehen, die hilflos vor ihnen strammzustehen oder zu kriechen hatten, nachdem sie vorher selber geduckte, vielleicht auch gedemütigte Untergebene gewesen waren, die eine als Hausgehilfin, die andere als Arbeiterin? War es krankhafte Rachsucht, die sich dann zu krimineller Mordsucht steigerte? Die Schatten eines Verbrechens, das unvorstellbar ist und immer noch sprachlos macht, legen sich undurchdringbar auch über diese beiden Frauen.

Wie zu Masken sind ihre Gesichter erstarrt, wenn sie auf ihren Stühlen vor dem Richtertisch hocken; gebeugt, regungslos, wenn sie ihre Anklage hören. Manchmal faltet Hermine Ryan-Braunsteiner wie unter fremdem Zwang die Hände, manchmal schreibt Hildegard Lächert in pausenlosem Eifer mit, die eine für die Zeugen noch heute an ihrem vorstehenden Unterkiefer, die andere an dem stechenden Blick ihrer Augen erkennbar: Sie waren es, sie waren so, kein Zweifel. Aber, warum sie so waren – es bleibt ein großer Rest an Unerklärlichem.

Eiskalt ist Hildegard Lächert geblieben. Nichts bringt sie auf, keine noch so glaubhafte, detaillierte Schilderung von Augenzeugen, die ihr jetzt gegenüberstanden. Erregter ist Hermine Ryan-Braunsteiner, die während des Prozesses zweimal einen Schreikrampf bekam und einmal in den alten Jargon als gefürchtete Majdanek-Schinderin zurückfiel, als sie in einer Verhandlungspause eine Zeugin anzischte: „Sag’die Wahrheit, du Lügnerin, du!“

Im Spätsommer voraussichtlich werden die Urteile in diesem Verfahren gefällt werden, das dann das bisher längste war und über zwanzig Millionen Mark gekostet hat. Keine der beiden angeklagten Frauen, denen zusammen mit sieben Männern der Prozeß gemacht wird, kann mit Freispruch rechnen. Zur Zeit sind sie gemeinsam in Mühlheimer Untersuchungshaft. Schon hat Hildegard Lächert den Wunsch geäußert, ihre Strafe in Heidelberg absitzen zu können. Sie möchte von ihrer Zelle aus das Schloß sehen.

Am Schluß seines Plädoyers sagte Staatsanwalt Dieter Ambach: „Die Opfer, ob tot oder noch lebend, und ihre Angehörigen haben ein Recht darauf, daß selbst noch nach so langer Zeit die Schuldigen zur Verantwortung gezogen werden und nicht ein abgesichertes Rentner- oder Pensionärsdasein führen, während ihre Opfer unter fürchterlichen Qualen sterben oder mit schrecklichen Erinnerungen weiterzuleben versuchen mußten.“

Gibt es für Majdanek ein Maß an Gerechtigkeit? Gibt es für das, was diese beiden Frauen taten, eine Sühne, die Rechtens ist und gerecht? Majdanek war die Hölle. Hat diese Hölle doch gesiegt? Nicht nur über die „mindestens 250 000 Ermordeten“, nicht nur über jene, die noch einmal davonkamen – auch über uns, über unsere Fähigkeit, trauern zu können?