Axel Springer, größter deutscher Verleger von Tageszeitungen, sagte schon sechs Tage vor dem Ereignis, was kommen sollte – und genauso kam es.

Als Springers Hörzu, die auflagenstärkste Fernsehzeitschrift Europas, am 19. Februar in Berlin zum 16. Mal ihren TV-Preis "Goldene Kamera" an zehn Mattscheibenakteure der öffentlich-rechtlichen deutschen Programme von ARD und ZDF vergab, servierte der Verleger und Sponsor den meist ahnungslosen Preisträgern und Gästen eine Delikatesse besonderer Art: Nur leicht verklausuliert verkündete er das alsbaldige Ende des "rechtlichen oder faktischen Monopols" von ARD und ZDF an, "mag die Politik auch noch ihre Rückzugsgefechte führen".

"Was aber", so fragte Springer sich und seine Zuhörer, "wird sich dann etablieren als privatwirtschaftliches Programmangebot neben den

öffentlich-rechtlichen Anstalten? Wird es das vielgeschmähte ,Springer-Fernsehen‘ sein?" Beileibe nicht. An diesem Etikett sei nur eines wahr und verläßlich, "nämlich der Klebstoff", so wußte der Verleger ängstliche. Zeitgenossen zu beruhigen: "In Wahrheit hat es niemals Pläne für ein ‚Springer-Fernsehen‘ gegeben."

Er habe nie an einen Alleingang, sondern an seine Kollegen gedacht, denn so Springers. entscheidender Satz: "Mein Ziel ist es immer gewesen, im Verbund mit anderen Zeitungen und Zeitschriften das elektronische Medium für die Presse insgesamt aufzuschließen."

Es verging kaum eine Woche nach diesem Bekenntnis zur verlegerischen Fernsehgemeinschaft – und Springer war seinem Ziel plötzlich zum Greifen nahe. Denn inzwischen erschütterte eine Art Erdbeben die deutsche Medienlandschaft. Stärker hat sie wohl nie in der Nachkriegsära gewackelt.

Es geschah am 25. Februar, auf einer eilig einberufenen außerordentlichen Delegiertenversammlung des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger im Frankfurter Flughafenhotel Sheraton. Ungewöhnlich schnell einigten sich die Abgesandten der Verlage. Trotz – oder wegen mangelnder Vorbereitung (ein Delegierter: "Mit der Einladung tat der Verband verdammt geheimnisvoll, und viele hatten deshalb vorher überhaupt keinen Schimmer, was los war.") beschlossen die Herren schon nach drei Stunden und noch vor dem Mittagessen einstimmig: "Die deutschen Zeitungen sind grundsätzlich bereit, sich am Aufbau einer neuen europäischen Fernsehgesellschaft zu beteiligen, die voraussichtlich ab Mitte 1985 über einen eigenen Satelliten Fernsehprogramme in französischer, deutscher und niederländischer Sprache abstrahlen wird."