In der Bundesrepublik wächst die Abneigung gegen die Technik Brokdorf ist ein Symbol – die Zeitbombe tickt

In der Bundesrepublik suchen weit über eine Million Menschen vergeblich Arbeit, viele davon hatten noch nie eine Chance, beruflich tätig zu sein, andere leben seit langen Monaten von Unterstützung. Hätte jemand, der mit den politischen Verhältnissen in der Bundesrepublik nicht vertraut ist, am vergangenen Wochenende die endlosen Kolonnen der Demonstranten im weiten Umkreis von Brokdorf gesehen, so hätte er wohl angenommen, daß ihr Protest sich gegen die schon seit Jahren anhaltende und nun sich zuspitzende Arbeitslosigkeit richtet.

Doch das Gegenteil war der Fall. Diejenigen, die da aus allen Teilen des Bundesgebietes angereist waren, demonstrierten eher für weitere Verschärfung der Arbeitslosigkeit – auch wenn sich die meisten von ihnen darüber gar nicht klar waren.

Dabei geht es weniger darum, daß zahlreiche Baustellen seit Jahren stilliegen und daß in der Zulieferindustrie für den Kraftwerksbau die Aufträge knapp geworden sind. Diese direkten Folgen des Stillstandes in einer Branche, die einst als Musterbeispiel einer Zukunftsindustrie galt, stellen nur die Spitze eines Eisbergs dar. Viel wichtiger ist, daß die Bundesrepublik als Industriestandort auf die Dauer gefährdet ist, wenn hier die Unternehmen nicht mindestens zum gleichen Preis mit Energie versorgt werden können wie die Konkurrenten in den Nachbarländern. Die Kombination von hohen Arbeitskosten plus hohen Energiekosten ist auf die Dauer tödlich.

Aber selbst dies ist nicht einmal der schlimmste Aspekt. Viel wichtiger noch ist eine andere Tendenz, die hinter der "Symbolkonfrontation" von Brokdorf, wie es der sozialdemokratische Bundestagsabgeordnete Freimut Duve nannte, zum Vorschein kam. Denn es war eine neue Technikfeindlichkeit, die dort zum Ausdruck kam – ein Gefühl, das immerhin so stark ist, daß sich damit Zehntausende von Menschen mobilisieren lassen. Viele von ihnen waren über Hunderte von Kilometern angereist.

Aber es gibt auch subtilere – wenn auch keineswegs harmlosere – Anzeichen für die wachsende Ablehnung der Technik. Da sind nicht nur die demonstrativen "Aussteiger", sondern da ist auch das abnehmende Interesse an einer technischen Ausbildung: Während sich die Zahl der Studenten der Theologie, der Sprach- und Kultur- oder Agrarwissenschaften in den letzten zwanzig Jahren verfünffachte und bei den Rechts- und Sozialwissenschaften sowie Medizin verdreifachte, hat sich die Zahl der zukünftigen Ingenieure lediglich verdoppelt. Das reicht nicht aus. In manchen technischen Disziplinen sind heute Studienplätze frei. Frei sind aber auch viele Arbeitsplätze in den Entwicklungsabteilungen der Industrie. "Wir könnten, viel mehr neue Produkte auf den Markt bringen und oft schneller als die Japaner sein – wenn wir nur genügend Entwicklungsingenieure hätten. Weil sie fehlen, fehlen uns auch Beschäftigungsmöglichkeiten für unsere. Arbeiter", klagte kürzlich der Leiter eines großen elektrotechnischen Betriebes.

Wenn die Jugend eines Industrielandes eine Abneigung gegen die Technik entwickelt – oder von verantwortungslosen Ideologen und Demagogen in eine solche Haltung hineingetrieben wird –, dann ist das so, als ob immer mehr Bewohner einer Fischerinsel sich weigern würden, in die Boote zu gehen. Setzt diese Tendenz sich fort, dann ist die Arbeitslosigkeit von heute erst der Beginn einer wirklich dramatischen Entwicklung. Michael Jungblut