Karl Haushofer, der Vater der Geopolitik im Deutschland der 20er und 30er Jahre – ist er selbst der mittleren Generation überhaupt noch bekannt?. Seit. dem überraschenden deutsch-russischen Nichtangriffspakt 1939 vermuteten ausländische Autoren seinen bestimmenden Einfluß auf Hitler über seinen treuesten Schüler und "Wahlsohn", den Führer-Stellverter Rudolf Hess. Hatten sie recht? Verheiratet mit einer "Halbjüdin", die, wie wir nun wissen, entscheidend viel für ihn tat, Vater des 1945 von der SS erschossenen Albrecht Haushofers, dem Autor der "Moabiter Sonette", von Rudolf Hess immer wieder beschützt: überall werden Problemfelder deutlich. Man könnte heute durchaus fragen: Sind die ‚Moabiter Sonette‘ schon verhallt, ist die sachlich begründete Kritik von Geographen wie Hermann Lautensach, Carl Troll und Peter Schüller überhaupt durchgedrungen? Jedenfalls finden sich plötzlich wieder die mehr als abgenutzten Vokabeln "geopolitisch", "Geopolitik" und neuerdings auch "geosträtegisch"!

Schon allein aus diesem Grunde ist die gründliche Gelehrtenarbeit des Bonner Politologen Hans-Adolf Jacobsen sehr zu begrüßen, der in einem zweibändigen Werk den Lebensweg Haushofers, seine intellektuelle Entwicklung und seine Schriften ausführlich dokumentiert hat.

Hans-Adolf Jacobsen (Hg.): "Karl Haushofer. Leben und Werk", Bd. 1: Lebensweg 1869 bis 1946 und ausgewählte Texte zur Geopolitik; Bd. II: Ausgewählter Schriftwechsel 1917 bis 1946; Harald Boldt Verlag, Boppard; 688 S. u. 648 S., zus. 96,– DM.

Erstmals kann das sehr bewegte Leben Haushofers in erwünschter Breite, dazu sein Briefwerk, kleinere Schriften zur Geopolitik und seine Freundschaft mit Rudolf Hess klärend studiert werden. Jacobsen bestätigt in solider Quellenforschung die Meinung älterer Geographen vom geringen politischen Einfluß des Geopolitikers. Er erkennt andererseits richtig im Lebensraumkonzept (neben dem des Rassegedankens) einen der Brennpunkte der bedenklichen ideologischen Ellipse des NS-Systems. Dabei hat Rudolf Hess die Saat seines Lehrers allerdings nur deshalb ausstreuen können, weil ihr durch das Parteiprogramm bereits der Boden bereitet war. Darüber hinaus hat Haushofer über seine "Zeitschrift für Geopolitik" (1924–1944), in Radiovorträgen und Reden, in Schulen und Schulungskursen einen beträchtlichen Einfluß gewonnen. Insgesamt hat er dem Zweiten Weltkrieg den Boden bereiten helfen, ohne je im Augenblick der Katastrophe eine eigene Mitschuld zu sehen.

Gebildet und liebenswürdig, war er entschieden mehr künstlerisch als wissenschaftlich begabt. Ohne klare Definition seiner Begriffe, ohne systematische Abrundung, von der Geographie als nicht zur Zunft gehörig betrachtet, hat er dem geographischen Analphabeten Adolf Hitler weder tief beeinflußt noch gewarnt, was seine Aufgabe gewesen wäre. Geopolitik war ihm zum Beispiel "Erdmachtkunde", der Erdraum dabei "ein das menschliche Wollen bestimmender Willensträger". Damit war nicht nur einem wissenschaftstheoretisch haltlosen Geodeterminismus Tür und Tor geöffnet, sondern auch einer gefährlichen Geoprophetie aus Landschaft und Ländern. Praktisch ist nicht zu definieren, was Haushofer eigentlich wollte, weil er es selbst nicht wußte. Er entlarvte sich bereits, als er 1922, von einem jungen Studenten nach der praktischen Anwendbarkeit seiner Lehren gefragt, seiner Frau offen bekannte: "Weiß ich es denn selbst am Ende?" Hanno Beck