Lenggries im Isarwinkel

Von Gregor Dorfmeister

Lenggries im Isarwinkel – das klingt wie eine Verheißung von rauhem Fels und wilden Wassern, von dunklen Bergwäldern und gleißenden Firnhängen, von wortkargen Holzknechten und wettergegerbten Flößern, von sanftem Zitherspiel und würzigem Enzian, von süffigem Gerstensaft und natürlich von "der Liab", wie die Liebe auf bayerisch heißt.

Man denkt an die beiden großen Ludwigs der weißblauen Literaturgeschichte, an Thoma und Ganghofer, die – wenn auch grundverschieden – in ihrer Liebe zum Isarwinkel einander doch wie Zwillingsbrüder ähneln. Die berüchtigten Wilderer schießen einem unwillkürlich in den Sinn und flugs hinterher der unsterbliche "Jäger von Fall", umgeben von jenen prächtigen vierbeinigen Zielscheiben, von denen die Lenggrieser Bergreviere tatsächlich noch wimmeln: Gams und Hirsch.

Spätestens seit jenem sonnenüberstrahlten Januar-Montag 1980 aber, an dem der Name Lenggries dank eines "Weltcup-Slaloms" die Sportwelt eroberte, erinnern sich selbst schneeblinde Flachländler bei Nennung dieses Ortes stahlkantenscharf: Hier kann man Ski fahren! Im Isarwinkel "läuft" man nämlich nicht Ski, sondern man "fährt" darauf, zumindest im alpinen Bereich. Laufen tut man nur in der Loipe. Beides jedoch, Ski fahren und Ski laufen, kann man rund um Lenggries.

Eine Grenze für allzu hochfliegende Pläne und Träume der Lenggrieser "Pisten-Corbusiers" hat schon vor zig Jahrmillionen der liebe Gott höchstpersönlich gesetzt, indem er nämlich bei der Erschaffung der Welt (oder auch ein bißchen später) den Brauneck-Gipfel auf genau 1555 Meter über dem Meer fertigmodellierte, nicht ahnend, daß der Internationale Skiverband dereinst für Weltcup-Abfahrtsrennen ganz andere Größenordnungen vorschreiben würde. "Aufstocken müßt’ man halt können!" sagen heute die Lenggrieser Skisport-Strategen bedauernd, und weil’s halt nicht geht, begnügt man sich mit dem Weltcup-Slalom.

Daß es der himmlische Landschaftsgärtner mit den Isarwinkler Brettl-Enthusiasten und ihren Gästen trotz allem recht gut gemeint hat, das wird angesichts des Idealhanges deutlich, der – fast 1700 Meter hoch hinter dem Brauneck gelegen – seinem Namen alle Ehre macht: glatt wie ein überdimensionales Bügelbrett und so rasant geneigt wie die umgekippten Gartentische in den Isarwinkler Biergärten, wenn’s regnet.