Von John Kenneth Galbraith

Bei der Variante des konservativen Angriffs auf den wirtschaftlichen und sozialen Konsens, die ich die ernstzunehmende nenne, gehen die Kritiker davon aus, daß die Sozialausgaben nicht das Ergebnis eines sorgfältigen Urteils über Bedürftigkeit oder Kosten sind; sie seien vielmehr nach dem Motto "je höher desto besser" konstruiert worden. Die Angreifer sind überdies überzeugt, daß die Qualität der öffentlichen Verwaltung überaus mangelhaft ist, und – das ist das Wichtigste – daß die makroökonomische Steuerung nicht mehr funktioniert. In allen drei Punkten scheint mir der Angriff gerechtfertigt zu sein; an diesen drei Punkten ist der wirtschaftliche und soziale Konsens verwundbar.

Was die Sozialaufgaben angeht – etwa für erschwingliche Mietwohnungen, Krankenversicherung, verschiedene Formen direkter Fürsorge, Bildung und öffentliche Dienste im Allgemeinen –, waren aktive Vertreter des Konsens tatsächlich der Meinung: "Je mehr desto besser." Die Frage war freilich, wieviel die Konservativen davon akzeptieren konnten.

Solange Sozialversicherung, Fürsorge, Krankenversicherung und sozialer Wohnungsbau noch in den Kinderschuhen steckten, war nichts zu befürchten. Aber selbst damals galt die Effizienz dieser Dienste als unzulänglich. Später ließ es sich dann nicht mehr umgehen, auch ihre Kosten in die Überlegungen einzubeziehen. Reaktionär ist das sicher nicht. Im Gegenteil, die ältere Arbeitshypothese, mehr sei gleichzeitig auch besser, wurde an einem bestimmten Punkt intellektuell und politisch unglaubwürdig.

So sehr die Behauptung, unsere Ausgaben für den öffentlichen Dienst und die Sozialfürsorge seien, zu hoch, auch augenblicklich in Mode ist, teile ich diese Ansicht nicht; denn sicherlich sind sie nicht zu hoch für diejenigen, die sie am meisten in Anspruch nehmen und brauchen. Ich trete lediglich für bessere Methoden der Bedürfnisprüfung ein, für Prüfungen, die es zumindest erlauben, die Sozialausgaben besser verteidigen zu können als bisher.

Auch hinsichtlich der Qualität der öffentlich Verwaltung trifft die Kritik am wirtschaftliche sozialen Konsens einen wunden Punkt, Doch wenn man mit gleichen Maßstäben mißt, dann ist die staatliche Bürokratie offensichtlich nicht schlechter als die private – weder in moralischer Hinsicht noch hinsichtlich ihrer Effiziens. Unfähigkeit und Versagen sind in den Führungsgremien privater Großunternehmen an der Tagesordnung. Auch die Unredlichkeit ist dort zu Hause. Chrysler galt schon viele Jahre lang in Kreisen der Autoindustrie als ein sehr schlecht geführtes Unternehmen. Kein öffentliches Unternehmen ist je so tief in den Morast der Unfähigkeit gesunken wie die Eisenbahngesellschaft Penn Central in ihren letzten Jahren. Erst in jüngster Vergangenheit hat sich die Rundfunkstation NBC, die sich zu den Wächtern unseres öffentlichen Anstands zählt, gegen raffinierte Betrugsmanöver wehren müssen, an denen einige ihrer eigenen Manager beteiligt waren.