Die Tarifpolitik ist in Bewegung geraten: Neunzehn Professoren haben eine "Lohnpause" vorgeschlagen, um eine Erholung der Wirtschaft einzuleiten; im Baugewerbe wurde eine Lohnerhöhung um vier Prozent vereinbart; in der Metallindustrie gab es nach dem Auslaufen der Friedenspflicht die ersten Warnstreiks; für den öffentlichen Dienst und die Textilindustrie fordern die Gewerkschaften sieben Prozent mehr.

Der Vorschlag der Professoren war vom Tisch gewischt, noch ehe er richtig diskutiert werden konnte. Nicht von den Polterern Kluncker oder Loderer – "das lieben wir besonders, wenn Professoren, die keine Angst um ihr Einkommen und um die Arbeitsplätze zu haben brauchen, Vorschläge zur Krisenbewältigung machen, unter denen besonders die Arbeitnehmer zu leiden haben" –, sondern von dem bedächtigen Bauarbeiterführer Rudolf Sperner.

Die Nachricht kam überraschend. In den ohne Fanfarenklänge und großes Spiel eingeleiteten Lohnverhandlungen einigte sich die IG Bau mit den Arbeitgebern auf den ersten großen Tarifvertrag dieses Jahres! vier Prozent mehr Lohn für über eine Million Bauarbeiter. Ein Signal zweifellos, aber noch keine Lösung des Konflikts.

Auch ohne das undramatische Finale der Lohnverhandlungen für das Baugewerbe hätte der Professorenvorschlag allerdings keine Chance gehabt. Vor allem kam er für diese Tarifrunde zu spät. Die Arbeitgeber der Metallindustrie hatten sich bereits auf eine andere Strategie festgelegt, auf die "produktivitätsorientierte Lohnpolitik", und drei Prozent mehr Lohn angeboten (bei acht Prozent Forderung der IG Metall). Damit hatten die Lohnverhandlungen schon eine Eigendynamik erlangt, die sich nun in Warnstreiks entlädt.

Aber es ist wohl auch nur ein theoretisches Modell, das sich die Professoren in ihren Studierstuben ausgedacht haben. Ihre Gedankenkette – Lohnpause durch Verlängerung der Tarifverträge um ein halbes oder ein Jahr, dadurch Möglichkeit zur Zinssenkung durch die Bundesbank, dadurch Anregung der Investitionstätigkeit – diese Gedankenkette klingt logisch. Im rauhen Wind der Tarifpolitik haben solche Überlegungen jedoch kaum Bestand.

Nach diesem Plan sollen die Unternehmen doppelt entlastet werden – durch Lohnpause und Zinssenkung –, ohne daß den Gewerkschaften die erhofften Folgen – weniger Arbeitslosigkeit und in Zukunft wieder steigende Reallöhne – garantiert werden können. Das aber heißt, das Risiko einer solchen Tarifpolitik wird ausschließlich den Arbeitnehmern aufgebürdet. Das kann im Ernst niemand fordern.

Einen "breiten gesellschaftspolitischen Konsens", wie ihn die Professoren fordern, kann man nur erreichen, wenn das Risiko geteilt wird, wenn alle Gruppen bereit sind, Opfer zu bringen und den Gürtel enger zu schnallen.