Von Reinhard Baumgart

Quer durch die streng aufgeteilten Arbeitsfelder des Schreibens ist Ursula Krechel bis jetzt gezogen, ohne sich irgendwo fest niederzulassen. Begonnen hat sie mit Kritiken (und Kritiken schreibt sie noch immer), dann erschienen in wirrer, entschlossener Folge ein Theaterstück, ein theoretischer Text zur Frauenbewegung, ein Gedichtband, ein weiterer. Niemand aber wäre bis jetzt auf den Gedanken gekommen, diese Autorin als Kritikerin oder Dramatikerin oder hauptberufliche Feministin auf irgendeine Spezialisierung festzunageln, und genau in dem Augenblick, da man sie fast schon als Lyrikerin eingeordnet und eingefriedet hätte, tritt sie, wie zu erwarten war, als Erzählerin auf, souverän, als wäre das schon immer ihr Metier gewesen, selbstverständlich, als käme es auf die Gattungen des Schreibens gar nicht an, sondern nur darauf: sich und "die Lage" auszusprechen.

In kühner Demut nennt sie ihre ersten zweihundert Seiten erzählende Prosa "Szenen eines Romans" –

Ursula Krechel: "Zweite Natur – Szenen eines Romans"; Luchterhand Verlag, Darmstadt/Neuwied, 1981; 244 S., 26,– DM.

Für den landläufigen, gefälligen Schmuh, der alles übers Kurzgeschichtenformat Hinausgewachsene heute dem Markt als Roman andient, ist sie sich offenbar zu gut. Ruhige epische Kontinuität und runde Erzählsummen sind also hier nicht zu erwarten. Außerdem steht über dem Buch noch ein Motto von Susan Sontag: "Eine gewisse Verkümmerung der Emotionen, eine Schwächung des Gefühls und der körperlichen Vitalität wird vorausgesetzt." Wer unter solchen Vorzeichen anfängt, der spielt wahrlich gegen ein hohes Handicap.

Und doch beginnt dieser Fast-Roman dann verhältnismäßig geheuer, mit Personen und Szenen "wie aus dem Leben gegriffen", zum Wiedererkennen. Wir sind in Frankfurt, wo in der Wohnung einer jungen Ärztin drei Zimmer freistehen. Drei Mitbegründer einer neuen Wohngemeinschaft werden gesucht, und wie die sich im ersten Kapitel zusammenfinden, das könnte im Leser noch die üblichen Genau-so-ist-es-Gefühle abrufen. Vier Personen erscheinen, vier Erwartungen deuten sich an, die Widersprüche zwischen Wunsch und Wirklichkeit werden als Generalthema gleich zu Spielbeginn musikalisch genau und energisch eingesetzt.

Der wohngemeinschaftstypische Ärger also, um verschleppten Zucker, ersatzlos heruntergeschlungene Haselnußvorräte, falsche Handtuchbenutzung, wird hier nur im Hintergrund mitspielen. Es geht um mehr. "Alle Türen stehen offen, die Fenster sind geschlossen" – so hat Marion, die Ärztin, die neue Gemeinschaftsordnung gewünscht. "Ich werde die finden, die mich berühren und die ich berühren will." Damit beginnt ein schön geplanter, stiller Aufstand gegen die erste Natur: "Sie wollte sich ihre Familie selbst suchen zu einer gewählten Verwandtschaft auf Zeit" Hoch in den Himmel greift ja eine solche Utopie für vier Personen nicht. Daß sie resignative Züge zeigt, Ersatz ist für jene größere Wohngemeinschaft, die gemeinhin Gesellschaft heißt, wird von Anfang an spürbar.