Wie den letzten Dreck hat er mich behandelt", klagt die Hamburger Bankangestellte Petra B. über ihren Abteilungsleiter. "Und das Schlimmste war, daß ich mit niemandem darüber reden konnte. Ich habe all den Ärger in mich hineingefressen. Und das hat sich auf den Magen geschlagen. Ich mußte zum Arzt. Der meinte, aus den dauernden Kränkungen sei nun eine richtige Krankheit geworden."

Zweimal wurde Fräulein B. am Magen operiert. Danach fuhr sie jedes Jahr zur Kur. Acht Kurorte hat sie ausprobiert, hat gewissenhaft alles getan, was man ihr verordnete, aber ohne Erfolg.

Ihr Zustand besserte sich erst, nachdem sie an einem "Zwei-Tage-Gespräch für jedermann" teilgenommen hatte. Auf dieser gemeinnützigen Veranstaltung eines Hamburger Laienhelfers hatte sie zum erstenmal Gelegenheit, in einem Kreis von ähnlich Interessierten über ihre Probleme zu sprechen. Dabei gewann sie Klarheit über ihre Lage und faßte Mut zum Handeln. Sie beschwerte sich beim Betriebsrat, erhielt einen besseren Arbeitsplatz und fühlt sich seitdem wie neugeboren.

"Ein Bilderbuchfall!" meint dazu Professor Dr. Horst Jungmann, Internist an der Uniklinik Hamburg und Kenner der Situation in den deutschen Kurorten. "Manche Kurkliniken haben schon Psychotherapeuten, die mit den Patienten reden, die seelischen Ursachen ihrer Krankheiten herausfinden und so gemeinsam mit den Ärzten zu besseren Befunden und rascherer Heilung kommen. Meist jedoch fehlt eine solche Aussprachemöglichkeit."

Eine Umfrage bei 45 Kurdirektoren zwischen Cuxhaven und Bad Reichenhall bestätigt: In den meisten Kurorten sind die Patienten sich selbst überlassen. Sie nehmen ihre Bäder und schlucken ihre Pillen, aber niemand hilft ihnen dabei, sich selbst in den Griff zu bekommen und ihr Teil, zur Heilung beizutragen, etwa indem sie ihre Lebensweise ändern. So manche Patienten verlassen nach vier Wochen ihren Kurort, ohne mit irgend jemandem auch nur einen Satz gesprochen zu haben.

In der Theorie ist man so ziemlich auf dem neuesten Stand. Da gibt man "Richtlinien für die Gesundheitserziehung in den Heilbädern und Kurorten" heraus und empfiehlt "direkten persönlichen Kontakt des Patienten zum Arzt und anderen Therapeuten" – woraus zu schließen ist, daß ein solcher Kontakt sich nicht mehr von selbst versteht – und entfaltet einen breiten Methodenfächer: Zweiergespräche, Gruppengespräche, Selbsterfahrungsgruppen und vieles andere.

In der Praxis jedoch beschränkt sich das Angebot auf Vorträge über Gesundheit, Kurse für Autogenes Training, Bridgezirkel, Heimatabende, Dia-Vorführungen von Urlaubsreisen, Bibelstunden, "heitere Bewegungstherapie auf dem Parkett".