0.45 Im Lüneburger Gerichtssaal warten Bürgermeister und Bauern aus der Wilster Marsch schon seit Mitternacht auf die Brokdorf-Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts. Endlich kommt das erhoffte Urteil: "Die Demonstration gefährdet die öffentliche Sicherheit und die Ordnung. Anzeichen für eine gewalttätige Demonstration sind unübersehbar. 10 000 Leute sind durch einen Versammlungsleiter nicht zu steuern;

1.00 In Wewelsfleth vor dem Kachelofen bei Bürgermeister Ekkehart Sachse hocken bedrückt ein paar Atomkraftgegner. Sachse kommentiert: "Die Richter haben sich von der Bürgerkriegspsychose anstecken lassen. Ich hätte mehr Angst, wenn tausend HSV-Fans nach einem verlorenen Spiel durch unser Dorf zögen, als vor zehntausend Demonstranten."

Um diese Zeit sind längst Abertausende aus allen Teilen der Bundesrepublik unterwegs nach Brokdorf: in gecharterten Bussen, in brechendvollen Fernzügen und in Kolonnen auf der Autobahn. Wichtiger als das richterliche Hin und Her ist ihnen der Glaube an das Grundrecht auf Demonstrationsfreiheit: "Der Landvogt Brümmer kann uns das nicht verbieten." Es ärgert sie, daß sie als potentiell "terroristische Gewalttäter" vorverurteilt werden. Auch die Polizei behandelt sie so. "Das war ein Mordsspaß", erzählt später einer, der mit seinem Auto zwischen Hannover und Hamburg kontrolliert wurde. "Wie die unsere Karre gefilzt haben, und es gab nix zu beschlagnahmen da – da waren die Bullen schwer enttäuscht von uns."

3.00 Ein halbes Hundert Atomkraftgegner haust seit drei Tagen bei Bauer Ali Reimers auf dem Heuboden. Sie sind zwischen 18 und 25 Jahre alt, auch ein paar Pastoren aus Norddeutschland und einige Mitglieder der "Grünen" sind dabei. Sie nennen sich "Gewaltfreie Aktion". Mit Sitzstreiks im Brokdorfer Gelände wollten sie schon an den Vortagen zeigen, daß friedlicher Widerstand erfolgreicher ist als Gewaltaktionen; bei "Friedensmärschen" durch Wewelsfleth und Wilster versuchten sie eingeschüchterte Bürger zu überzeugen, daß Demonstranten nicht Rowdies und Gewalttäter sein müssen.

Jetzt kauern sie in schneidender Zugluft zwischen den Heuballen, eng zusammengerückt, um die schlimmste Kälte abzuwehren. Lena Reimers, die Bauersfrau, verteilt Wolldecken und kocht Eimer voll Tee mit Rum. Eine nackte Glühbirne flackert über der Tür. Der Mut der übermüdeten jungen Leute ist gesunken.

Die Bäuerin kämpft seit acht Jahren mit ihrem Mann gegen den Bau des Kernkraftwerks Brokdorf. Ihr Hof steht nur fünfhundert Meter vom Baugelände entfernt. Lena Reimers: "Ich würde gern mal von einem dieser Politiker wissen, was die sagen würden, wenn ihre Kinder keine Milch mehr trinken dürfen, weil die Atomkraftwerke mitten auf den saftigen Wiesen stehen."

Ein Mädchen, 17 Jahre alt, sagt leise: "Ich habe Angst vor der Demo. Wenn wir einen Schritt von Alis Hof runter machen, schnappen die sich uns doch gleich wieder. Wie gestern. Ich halt das nicht noch mal aus."