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Der umstrittene Unternehmer Tiny Rowland beabsichtigt, den Observer zu übernehmen

Innerhalb von weniger als zwei Wochen haben drei der bedeutendsten Zeitungen Großbritanniens den Eigentümer gewechselt: Der Australier Rupert Murdoch verleibte seinem sich über drei Kontinente erstreckenden Presseimperium die Times und die Sunday Times ein, die er dem Kanadier Thomson abkaufte; nun hat der von Tiny Rowland beherrschte Mischkonzern Lonrho den Observer, Großbritanniens älteste Sonntagszeitung, von der amerikanischen Ölgesellschaft Atlantic Richfield übernommen. Für den umstrittenen Unternehmer geht damit ein lange gehegter Wunsch in Erfüllung – vorausgesetzt, die Regierung legt dem ungeliebten Aufkäufer nicht noch mit Hilfe der Monopolkommission ein Hindernis in den Weg.

Spätestens seit dem Streit zwischen Verlag und einer Gewerkschaft über die Einführung eines produktiveren Druckverfahrens im letzten Sommer war klar geworden, daß die Amerikaner die Freude am Observer verloren hatten. Sie wollten das Blatt, in das sie rund zwanzig Millionen Dollar gesteckt haben, seit sie es 1976 aus dem Besitz der Familie Astor für die symbolische Summe von einem Pfund übernahmen, nicht weiter subventionieren. Erst verlor der Observer einen Fürsprecher, als Thornton Bradshaw den Vorstand der Ölfirma verließ, dann befand der 63jährige Vorsitzende Robert Anderson, der das Ölgeld mobilisiert hatte, um eine unabhängige Pressestimme am Leben zu halten, es sei zu schwierig, der Verantwortung als Eigentümer von dem entfernten Los Angeles aus richtig nachzukommen. Viel besser plaziert war da Tiny Rowland, der Anderson schon vor eineinhalb Jahren von seinem Interesse an dem Observer wissen ließ.

Die Verkaufsmitteilung selbst kam jetzt aus heiterem Himmel. Den Observer-Mitarbeitern gegenüber machte Anderson bei seinem Besuch am vorletzten Wochenende keinerlei Andeutungen über die bevorstehende Transaktion. Sie waren daher völlig überrascht, als bekanntgegeben wurde, der Observer werde von dem zu Lonrho gehörenden Verlag George Outram übernommen. Der Verlag gibt in Glasgow schon zwei Zeitungen heraus. Atlantic Richfield werde dafür mit 40 Prozent an dem schottischen Zeitungshaus beteiligt.

Die Reaktion beim Observer war überwiegend ablehnend. Tiny Rowland gab zwar schnell und bereitwillig eine generelle Zusicherung der redaktionellen Unabhängigkeit – die Journalisten sehen jedoch gleichwohl Konflikte heraufziehen. Denn anders als Atlantic Richfield bieten die vielfältigen Aktivitäten von Lonrho und seines starken Mannes Rowland häufig Anlaß zu Auseinandersetzungen und Stellungnahmen.

Über die ersten vierzig Lebensjahre des publizitätsscheuen 64jährigen Rowland ist wenig bekannt. Als Sohn eines internierten deutschen Vaters und einer englischen Mutter in Indien geboren, kam er über Deutschland kurz vor dem Ausbruch des Krieges nach Großbritannien, änderte seinen Namen und verbrachte kurze Zeit in der Armee. Nach dem Krieg ging er nach Rhodesien, wo er ein kleines Vermögen zusammenbrachte. Sein Aufstieg begann 1961, als er sich der London and Rhodesien Mining Company (Lonrho) anschloß, an der er heute zu etwa einem Fünftel beteiligt ist.

Im Geschäftsbericht für 1980 läßt er in einer Zahlenübersicht die letzten zwanzig Jahre stolz Revue passieren. Der Umsatz stieg von vier Millionen auf 2,1 Milliarden Pfund; der Nettogewinn von hunderttausend Pfund auf 45 Millionen Pfund. Die Aktivitäten, des Konzerns konzentrierten sich zuerst auf Afrika, wo Lonrho Gold, Platin, Kupfer und Kohle fördert, Vieh züchtet und Tee und Zuckerrohr anbaut, Zeitungen herausgibt, Bier braut und Handel, vor allem mit Autos, betreibt. Mit Afrikas schwarzen Politikern pflegt Rowland engen Umgang. In jüngster Zeit wuchs der Konzern in Großbritannien, übernahm den VW-Import, kaufte Stahlwerke und eine Textilfabrik, Zeitungen und Whiskydestillerien.

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Rowlands letzter Coup ist die geplante Übernahme von House of Fraser, der Warenhausgruppe mit über 100 Geschäften, darunter Harrods in London als dem begehrtesten’Objekt. Lonrho besitzt bereits knapp dreißig Prozent der Gruppe, deren Vorstand vehement gegen die Übernahme kämpft. Verwunderte Harrods-Kunden konnten sogar gegen Lonrho demonstrierende Vorstandsmitglieder vor den Türen des Kauftempels sehen. Einstweilen ist – die Übernahme jedoch durch die Einschaltung der Monopolkommission aufgeschoben.

Für Rowland ist es nicht die erste nähere Berührung mit staatlichen Institutionen. Seine Geschäfte und Geschäftsmethoden erregten 1973 zum erstenmal größeres Aufsehen, als ein Arrangement zur "Steuervermeidung" mit seinen Direktoren bekannt wurde. Die Zahlungen in Steueroasen veranlaßten den damaligen konservativen Premierminister Heath zu dem Ausspruch, Lonrho zeigte das "garstige und unakzeptable Gesicht des Kapitalismus". Das Handelsministerium leitete eine Untersuchung der Aktivitäten von Lonrho und seines Chief Executive Rowland ein. Vor-allem die Geschäfte in Rhodesien und Südafrika, den Erwerb der Lizenz am Wankelmotor und Rowlands Umgang mit seinen Kollegen wurden unter die Lupe genommen. Der Bericht zeigt Rowland als einen rücksichtslosen Unternehmer.

Seit den frühen siebziger Jahren ist Rowland, der inzwischen eine Reihe geschäftlicher Rückschläge einstecken mußte, nicht mehr aus den Schlagzeilen verschwunden. Der Ausspruch von Heath haftet ihm wie ein Kainsmal an. Im Establishment hat der Einzelgänger wenig Freunde. Die City verschmäht seine Aktien.

Bisher ist aber nicht bekannt geworden, daß Rowland Einfluß auf Redaktionen seiner Zeitungen geltend gemacht hat. Eher wird das Gegenteil bezeugt. In den Redaktionsstuben des Observers fragt man sich jedoch, ob in Zukunft in dem Blatt eine furchtlose Behandlung von Lonrhos Manövern möglich ist. Die Journalisten verlangen daher die Einschaltung der Monopolkommission, zumindest aber eine Garantie für ihre Unabhängigkeit. Wilfried Kratz