Von Christian Schmidt-Häuer

Angst und Abscheu vor den liberalen Ideen waren so stark", schrieb Alexander Herzen Mitte des vorigen Jahrhunderts über Rußland, "daß die Regierung sich nicht mehr mit der Zivilisation aussöhnen konnte ... Riesige Kräfte werden, aufgewandt zur gegenseitigen Vernichtung, zur Erhaltung eines künstlichen Ruhezustand". Aber Absolutismus um des Absolutismus willen ist auf die Dauer unmöglich: das ist zu unsinnig, zu steril. Der Absolutismus spürte das und begann, nach einer Betätigung in Europa zu suchen. Die russische Diplomatie ist unermüdlich tätig: Nach allen Seiten flattern Noten, Ratschläge, Drohungen, Versprechungen, flitzen Agenten und Spione."

Über den 26. Parteitag in Moskau fällen manche Beobachter fast das gleiche Urteil. Breschnjews "Versprechungen", so argwöhnen sie, sollen vor allem Europa von Amerika entfremden. Der "künstliche Ruhezustand" und der "sterile Absolutismus", so sehen sie sich bestätigt, sind auf dem Gipfelpunkt. Alle Politbüromitglieder und Sekretäre sind wiedergewählt worden; fast alle Spitzenfunktionäre haben ihre mit Ideologie verholzten Papiere heruntergelesen; Reformvorschläge blieben aus.

Und doch unternahm einer den Versuch, die "Regierung mit der Zivilisation auszusöhnen". Breschnjews Referat, das einzige und erstaunliche Ereignis dieses Parteitags, hat eine erste Brücke vom kommunistischen Weltbild zur sozialistischen Wirklichkeit geschlagen. Es registriert, was offiziell noch nie geschah, den alten Widerspruch zwischen den pragmatischen Interessen der sowjetischen Großmacht und dem Dogma der Weltrevolution. Schlagzeilen gemacht haben zwar nur die aktuellen Vorschläge, mit denen der Parteichef das entschiedene Interesse Moskaus an dauerhaft verbesserten Beziehungen mit Amerika signalisiert. Doch Breschnjews eigentliche Botschaft reicht weiter.

Der 74jährige Generalsekretär hat nicht nur Chruschtschows Parteiprogramm von 1961, das schon für dieses Jahrzehnt das gesellschaftliche Endziel des Kommunismus verkündete, für pensionsreif erklärt. Er verschiebt den Kommunismus gleichzeitig auf den St. Nimmerleinstag.

In Einzelpunkten wirkte Breschnjew gelegentlich realistischer als Reagan. Er malte nicht apokalyptisch die Überlegenheit der anderen Weltmacht aus. Er sprach von der Verschlechterung der "Wirtschaftskonjunktur in der Welt", wo er früher nur von der Wühlarbeit des kapitalistischen Menschheits-Feindes tönte.

Breschnjew hat sein schwer belastetes Erbe noch einmal abzusichern versucht, aber seine Erben haben nicht mitgetan. Kein anderer Redner griff den Realismus des Parteichefs auf. Sein Vermächtnis kann also weder als neuer Kodex weltpolitischen Wohlverhaltens noch als Wechsel auf die Zukunft angesehen werden. Aber Breschnjew hat zum erstenmal die Ohnmacht als Teilhaber der Sowjetmacht in das Weltbild des Kreml eingeführt.