Von Reinhardt Stumm

er fünfzigjährige Vincent ist "die Seele von’s Jesehäft", und weil er Berliner ist, wie sein Bruder, darf man es auch so sagen. Sein Schreibtisch in der Basler Utengasse ist an den drei Seiten mit Papier hochgemauert, und wenn er telephoniert, dann sieht man den wahrhaftig nicht leicht zu übersehenden Mann kaum. Um seine Füße wuselt ein Dackel, der neugierig in den Flur rast, wenn ein Besucher eintritt; denn eine Klingel hat das Tourneetheater der Brüder Grabowsky so wenig wie ein Firmenschild.

Mit Eynar Grabowsky, ein Jahr junger als Vincent, hat man schon eher Probleme. "Ja", sagt er am Telephon und, "gern!" Zuerst aber müssen wir mal den Fall diskutieren, und er sagt: "Ist das nicht schön, daß wir in Hamburg recht bekommen haben?" Er sagt das in einem Ton, der vermuten läßt, daß er es nie für möglich gehalten hätte, vor einem deutschen Gericht recht zu bekommen. "Mein Gott, wie lange hat das jetzt gedauert!" Curd Jürgens hat schon angerufen und gratuliert.

"Morgen muß ich nach München, und von da aus nach Wien, und am Freitagabend muß ich in Aarau den "Wachtmeister Rösli‘ abrechnen, aber danach, any time!"

Aus "any time" wurde Sonntag. Am Sonntag sitzen die beiden Brüder sowieso den Tag über im Büro, da ist endlich Ruhe, da können sie ungestört arbeiten.

Nur – warum plagen sich Eynar und Vincent Grabowsky siebenmal in der Woche für ein Unternehmen (außer den Brüdern arbeiten noch ein Buchhalter und eine Sekretärin mit), das – allen Verdächtigungen zum Trotz – beileibe keine Millionen abwirft? Wie reiche Leute sehen sie nicht aus. Eynar trägt seit zehn Jahren die gleichen sanft- und großflächig karierten Anzüge und Mäntel (schon fast ein Firmenzeichen), und Vincents Oberbekleidung ist von jener Qualität, die auch dann noch hält, wenn sich an den Kanten das Grundgewebe deutlich bemerkbar macht. Die Rückbänke des gemeinsam betriebenen Wagens sehen aus, als sei hier ein Lieferantenauto unterwegs, sie essen anspruchslos und trotzdem gern – und selbst beim Essen wird in jeder Sprache diskutiert und philosophiert, die nur der Boulevard lehren kann. Sie lieben das Theater – mit allem Pathos (und das heißt auch: Leiden), mit aller erstaunlichen Naivität, die ihnen bis auf den heutigen Tag die großen Gefühle erhalten hat. Jeder professionelle Theatermann ist ein wortkarger, in allen Empfindungen verkürzter, von seinem Job lahmgeprügelter Gefühlskrüppel gegen diese beiden Manager: Eynar, Unternehmer, Vincent, mit weitgehenden Vollmachten ausgestatteter Mitarbeiter.

An der Wiege hat es ihnen niemand gesungen. Vater Adolf Grabowsky, ein typischer Vertreter des Berliner Judentums, war Professor an der Berliner Hochschule für Politik, Kollege von Theodor Heuss. Zu seinem hundertsten Geburtstag im vergangenen Jahr widmete ihm die Neue Zürcher Zeitung eine ganze Seite! Die Mutter stammt aus einer angesehenen preußischen Offiziersfamilie. 1934 ging die Familie Grabowsky in die Schweiz und ließ sich in Arlesheim nieder – barocker Dom, Silbermannorgel, der Hauptsitz der Anthroposophen, das Goetheanum in Sichtweite. Noch heute wohnen Eynar und Vincent in der gleichen Straße. Immer noch haben sie deutsche Pässe, aber sie sind längst eingemeindet, haben die Niederlassung, sprechen den Dialekt, sie gehören dazu, sind keine "Fremden".