Hervorragend

Bireli Lagrene Ensemble: "Routes to Django – live at the Krokodil." Das "Krokodil" ist ein Lokal in Kirchheim/Teck, also alles andere als ein Studio mit einer aseptischen Akustik und einer neutralen Atmosphäre. Und so hört man auch weniger einer Aufnahme als einem Konzert zu, dessen Hauptperson ein heute fünfzehn Jahre alter Junge ist, ein Elsässer vom Zigeunerstamm der Sinti und das, was man ein Wunderkind nennen muß. Wüßte man es nicht, hörte man es freilich nicht, weil dieser Gitarrist so vollendet, aber niemals altklug spielt. Seine Musikalität hat sich offenbar ohne Familiendrill von selber entwickelt und äußert sich nun in einer das bloß Artistische weit übertreffenden, ebenso lebendigen wie gelassenen Virtuosität; selbst bewegte Passagen sind frei von stolpernder Hektik und bekommen einen weich und ruhig federnden Swing. Bireli Lagrene, der hier mit einem kleinen Ensemble von Ebenbürtigen auftritt, bewegt sich mit offensichtlich großem Spaß in der Tradition des Zigeunerjazz, wie ihn Django Reinhardt, sein Vorbild und das vieler europäischer Zigeunermusiker, in Paris kultiviert hat. Der Fünfzehnjährige spielt diese schwungvollen klassischen Stücke nicht einfach nach, sondern interpretiert sie fingerfertig und erstaunlich einfallsreich mit eigenen Improvisationen. (jazz point/Deutsche Austrophon 1003)

Manfred Sack

Billy Joel: "The Stranger". Innerhalb der "Mastersound"-Serie von CBS, von der neuerdings gut ein Dutzend Pop- und Rock-Aufnahmen in deutscher Fassung erhältlich sind, ist dieses 1977 zuerst erschienene Album von Billy Joel eine der herausragenden Produktionen, bei der Phil Ramone wieder einmal seine Ideen über Studio-Perfektion ähnlich überzeugend realisierte wie bei dem legendären ersten Album der Sängerin Phoebe Snow. Der Umschnitt, der für diese neue Pressung vom Mutterband auf Lackfolie bei halber Abspielgeschwindigkeit vorgenommen wurde, ist deutlich besser als die Plattenversion, die man bisher kaufen konnte. Entsprechend teurer läßt man sich dann das bezahlen, was man als Plattenkäufer nicht mehr als Regel erwarten darf: einwandfreie Klang- und Fertigungsqualität. (CBS Mastersound CBSH 72 311)

Franz Schöler

Hörenswert

Nicolaus Bruhns: "Sämtliche Orgelwerke". Viel ist es nicht, was unter "sämtliche" zusammenzufassen ist: vier Präludien (die hier eher mehrteilige Strukturen sind, bestehend aus Toccaten und eingeschobenen fugierten Passagen) sowie eine Fantasie über den Choral "Nun kommt der Heiden Heiland". Daß er ein berühmter Mann war, der zu seinen Dienstverpflichtungen als Organist in Kopenhagen und Husum ein paar Stücke mehr zu komponieren und zu spielen hatte, darf als sicher gelten. Auf der Orgel der Flensburger Heilig-Geist-Kirche, die in ihrer Disposition der nordischen Tradition folgt, versucht Hans-Jürgen Schnoor den historisch-kritischen Aufführungsduktus auf die Orgel zu übertragen – durch ein nicht mehr mechanisches, sondern der musikalischen Agogik folgendes Zeitmaß, das gewissermaßen ständig schwebt, nachgibt dort, wo die Akzente es verlangen könnten, anzieht, wo eine Dramatisierung es verlangte. Darüberhinaus wird in der Disposition mehr deutlich als nur das historische Spaltklang-Prinzip: gerade in der kontrapunktischen Gegenüberstellung der Stimmen und ihrer kolorierten, ausgezierten Form wird die Bedeutung Bruhns’ in der norddeutschen Organistentradition nach Dietrich Buxtehude deutlich. (TSB 8001 – Vertrieb: Tonstudio Bruns, Seitenstr. 8 a, 2400 Lübeck)