Kandidaten fast gleichauf

Von Klaus-Peter Schmid

Paris, im März

Offiziell wurde die Information wie ein Staatsgeheimnis gehütet, obwohl sie jeder kannte: Valéry Giscard d’Estaing bewirbt sich um seine eigene Nachfolge als Präsident der Französischen Republik. Wie Charles de Gaulle, der im November 1965 vom Elysée aus seine Kandidatur ankündigte, teilte Giscard in einer zehnminütigen Rundfunk- und Fernsehbotschaft seinem Volke mit, daß er die Bürde des Amtes noch einmal sieben Jahre tragen wolle. Damit sind die vier zentralen Figuren des Wahlkampfs, die "Viererbande", wie die Franzosen sagen, zur offenen Auseinandersetzung angetreten: Linksaußen ist Kommunistenführer Georges Marchais bereits unermüdlich im Einsatz; neben ihm wirbt der Sozialist François Mitterrand um linke Stimmen. Um die rechten Wähler buhlen jetzt der Gaullistenchef Jacques Chirac und der amtierende Präsident Giscard.

Giscard oder das Chaos

Giscard hat sich lange bitten lassen. "Herr Präsident. Zum Wohle Frankreichs, seien Sie Kandidat!" flehte schon geraume Zeit eine "Vereinigung für die Demokratie" in Zeitungsanzeigen. Überall im Land warteten lokale Komitees zur Unterstützung des Kandidaten Giscard auf das Startzeichen. In der Rue de Marignan, ein paar Schritte vom Präsidentenpalais entfernt, richtete sich bereits der Generalstab für Giscards Wahlkampf ein. Seine Berater drängten, denn die Konkurrenten okkupierten Bildschirm, Plakatwände und Schlagzeilen. Auch als die Meinungsumfragen immer ungünstiger wurden, wartete Giscard noch ab. Doch nun hat er die Flucht nach vorn angetreten – in generalstabsmäßig geplanter Ordnung.

Nicht zu übersehen sind die Anleihen, die Giscard bei de Gaulle macht. Da ist das Bemühen, sich als der einzige Kandidat zu profilieren, der über den Parteien steht, folglich auch keinem Apparat und keiner Doktrin etwas schuldet. Genau wie früher der General wies Giscard jetzt auf die destruktive Wirkung der Parteien hin. "Wir erleben den permanenten Kampf der Parteien gegen die politischen Institutionen", meinte er am Wochenende in einem Interview. Auch das Grundmuster seiner Argumentation ist von de Gaulle entliehen. "Ich oder das Chaos" hieß die Devise 1965. Den gleichen Sachverhalt umschrieb Giscard jetzt so: "Es besteht die Gefahr einer Rückkehr, zur apolitischen Instabilität. Sie liegt in der Meinung, rein politische Entscheidungen, der Austausch von Personen oder; Mannschaften genügten, um die grundsätzlichen Probleme zu lösen..... Wenn Frankreich der Versuchung der politischen Instabilität nachgibt oder wenn es das Risiko der Unordnung eingeht, ist es verloren!"