Die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft nimmt ab

Von Rudolf Herlt

Hermann Josef Abs, der große alte Mann unter den Bankiers, ist in den sechziger Jahren nicht müde geworden, den unschätzbaren Wert hoher Exportüberschüsse für die Bundesrepublik zu preisen. Allen, die daran Anstoß nahmen, erklärte er, was geschähe, wenn uns diese Devisenquelle nicht zur Verfügung stünde: Wir könnten weder unsere Auslandsurlaube noch unsere Beiträge an internationale Organisationen bezahlen, von den steigenden Oberweisungen der Gastarbeiter in ihre Heimatländer ganz zu schweigen. Dreizehn Jahre lang, von 1966 bis 1978, haben uns Exportüberschüsse in einer Höhe begleitet, die die anderen vor Neid erblassen ließen.

Im vergangenen Jahr haben dann die im Außenhandel verdienten Devisen nur noch gerade ausgereicht, ein Drittel unserer Ausgaben für Auslandsreisen zu decken. Der Export war zwar noch um mehr als elf Prozent gestiegen, der Import aber um fast siebzehn Prozent. Und es gab Zeiten, zuletzt im Januar dieses Jahres, da waren die Einfuhren schon höher als die Ausfuhren. Zieht sich die Schlinge zu? Sind die schönen Tage vorbei, in denen wir uns darauf verlassen konnten, wenigstens im Warenhandel ein bombensicheres Plus zu haben? Für ein Land, in dem jeder vierte Arbeitsplatz vom Export abhängig ist, wäre das eine Katastrophe.

Daß uns hierzulande überhaupt so düstere Gedanken heimsuchen, hängt mit der steigenden Ölrechnung zusammen. Die gesamte Einfuhr machte 1980 rund 340 Milliarden Mark aus; fast ein Fünftel davon, 64 Milliarden, sind allein für Öl ausgegeben worden. 1978 haben wir für die Tonne Rohöl noch 212 Mark bezahlt, im Durchschnitt des Jahres 1980 aber 454 Mark, Ende 1980 sogar 480 Mark. Der Effekt des zweiten Ölpreisschubs wurde durch die Abwertung der Mark noch verstärkt.

Über die Rolle des Öls in unserer außenwirtschaftlichen Malaise gibt es keinen Streit. Immer öfter tauchte aber in der Diskussion die Vermutung auf, daß sich auch die Wettbewerbsverhältnisse zu Lasten der Bundesrepublik verändert hätten. Dafür sprächen:

  • Die in den letzten Jahren nur wenig gestiegene Exportquote (Anteil des Exports am Bruttosozialprodukt);
  • die von Jahr zu Jahr steigenden Importquoten;
  • das Vordringen ausländischer Konkurrenten auf den Weltmärkten.