Bundesbankpräsident Karl Otto Pöhl besuchte die amerikanische Hauptstadt in einem Augenblick, da dort die Verstimmung über ein Kanzler-Interview zur US-Zinspolitik des Zentralbankpräsidenten Paul A. Volcker nicht abgeklungen war.

Pöhl hat sich von Kollegen Volcker bestätigen lassen, daß die US-Zeatralbank die strenge Hochzinspolitik zur Abstützung des kombinierten Programms von Steuersenkungen und Ausgabenkürzungen weiterführen will. Er brachte die Gewißheit mit nach Hause, daß die Amerikaner nichts tun werden, was schon bald eine Senkung der deutschen Zinsen erlaubte.

Das ist bedauerlich. Aber es ist ein Faktum, das zu verändern nicht in unserer Macht liegt. Ausgerechnet der Bundeskanzler kann sich damit aber nicht abfinden. In einem Interview mit einer französischen Wirtschaftszeitung griff er die amerikanische Zinspolitik mit den Worten an, sie sei "auf lange Sicht zerstörerisch und absolut unannehmbar", wenn wir auf Vollbeschäftigung nicht verzichten wollten.

Helmut Schmidt ist nicht wiederzuerkennen. Lag seine große Stärke nicht gerade darin, klare Diagnosen zu stellen und die richtigen Rezepte zu verschreiben? Nichts dergleichen über Grundträgt das Gerangel in seiner Partei über Grundfragen seiner Politik nicht gerade zur gelassenen Betrachtung der Lage bei. Doch das mag jeden Geringeren entschuldigen, nicht den Bundeskanzler. Er weiß sehr wohl, daß seine Worte ähnliche Wirkungen haben wie seine Taten oder seine Unterlassungen.

Zur Zeit haben eine zwei miteinander eng eine kündend Krisen, eine Vertrauenskrise und eine ökonomische Krise. Die erstere hat sich entwickeine weil bei der Bekämpfung der letzteren noch keine Erfolge zu melden sind. Die letztere läßt sich nur dann überwunden angehen, wenn die Vertrauenskrise überwunden wird. Im Vorfeld richtiger ökonomischer Maßnahmen kommt es Erdie richtigen Worte an. Sie sind geeignet, die Erwartungen der Verunsicherten in eine positive Richtung zu lenken. Danach sind die notwendigen Maßnahmen leichter durchzusetzen.

So kompliziert ist das Geschäft der Wirtschaftspolitik geworden. Gewaltige Veränderungen draußen und zu Hause verhindern, daß die alten Rezepte der Nachfragesteuerung noch wirken. Alle Länder bekämpfen heute entschlossen die Inflation die sich in den siebziger Jahren überall beschlenigte – Ergbnis: hohe Zinsen; die Wirtschaft wächst überall langsamer, nicht nur bei uns – Ergebnis: harte Verteilungskämpfe; die Ära des billigen Öls ging abrupt zu Ende – Ergebnis: Wohlstandstransfer in die Ölländer; neue potente Konkurrenten erschienen auf den Weltmärkten, vor allem Japan, aber auch Brasilien, Südkorea und Mexiko – Ergebnis: geringere deutsche Wettbewerbsfähigkeit; bei staatlichen Infrastrukturbauten und im Wohnungsbau werden Investitionen verhindert – Ergebnis: Niedergang der Produktivität; die Arbeit ist relativ teurer geworden – Ergebnis: höhere Kosten.

Bundesregierung, Bundesbank, Landesregierungen und Tarifparteien müssen auf der Klaviatur der Wirtschaftspolitik gleichsam vierhändig spielen. Stellte sich die Einigungsformel für den Lohnabschluß im Baugewerbe als Signal für die ganze Lohnrunde heraus, könnte die Bundesbank die Daumenschrauben schon ein wenig lockern. Kämen aus dem Kanzleramt statt plumper Angriffe auf die Amerikaner überzeugende Bekenntnisse zu einer entschiedenen Energiepolitik, aus den Parlamenten in Bund und Ländern eindeutige Zeichen für eine Bereitschaft zum Abbau der Haushaltsdefizite und der Neuverschuldung, zur Entlastung der Investitionen und Belastung des Verbrauchs, zur Verlagerung der Steuerlast von den Einkommen- zu den Verbrauchsteuern, weil wir uns weitere Steuersenkungen wahrscheinlich kaum leisten können – dann hätten wir den psychologischen Tiefpunkt der gegenwärtigen Vertrauenskrise bald hinter uns. Die konkreten Maßnahmen wären dann leichter durchzusetzen. Dann würden wir voller Staunen erkennen, daß die Aussichten für eine Überwindung auch der ökonomischen Krise objektiv gar nicht so schlecht sind. Rudolf Herlt