Von Heidi Dürr

Seit Ende Februar gibt es auf dem deutschen Buchmarkt zwei Bücher des französischen Erfolgsautors Frederick Leboyer. Das eine, hierzulande erstmals 1974 erschienen, heißt „Der sanfte Weg ins Leben“ und kommt aus dem Verlag Kurt Desch in München. Das andere heißt „Geburt ohne Gewalt“ und wurde, ebenfalls in München, vom Kösel-Verlag herausgebracht. Ein Schriftsteller, so wird mancher Buchhändler und mancher Leser denken, hat bei seinem zweiten Werk über die Humanisierung der seelenlosen Kreissaal-Geburt den Verlag gewechselt.

Doch dem ist nicht so. Unter dem Titel „Geburt ohne Gewalt“ wird lediglich eine neue Übersetzung des „sanften Weges“, für den der Kösel-Verlag seit Januar dieses Jahres die ausschließlichen deutschen Rechte zu haben glaubt, angeboten. Der Desch-Verlag, so Kösel-Vertriebsleiter Dieter Amman, sei nur befugt gewesen, bis Ende 1980 Restexemplare auszuliefern. Entgegen den Vereinbarungen mit dem Originalverlag Editions du Seuil in Paris habe Desch jedoch noch Anfang dieses Jahres eine Neuauflage ausgeliefert. Kösel-Anwalt Ernst Reichardt hat deshalb Schadenersatz-Forderungen geltend gemacht.

Diese Auseinandersetzung bringt wieder einmal einen Verlag ins Gerede, der längst aus den Schlagzeilen verschwunden war. Obwohl sich mit dem Namen Desch der größte Buchmarkt-Skandal der Bundesrepublik verbindet und obwohl die Affäre bisher weder restlos aufgeklärt noch endgültig beendet ist, war der Fall allmählich in Vergessenheit geraten, zumal sich die Beteiligten in letzter Zeit unauffällig verhielten. Selbst Kenner der Branche haben inzwischen den Überblick verloren. Rund fünfzig Prozesse (so die Schätzung eines langjährigen Desch-Mitarbeiters) für und gegen den Desch-Verlag, wechselnde Eigentümer, Geldbeträge, die gar nicht, ratenweise oder auf falschen Konten auftauchten, sorgten für ein schier unentwirrbares Chaos.

Jetzt freilich könnte wieder etwas Licht in das Desch-Gewirr kommen – wenn auch nur durch neue Verwicklungen. Denn zusätzlich zu dem Streit über die Leboyer-Rechte, der über die noch vorhandenen Aktivitäten des Desch-Verlags Auskunft geben kann, hat die Eintragung eines zweiten Verlags Kurt Desch im Münchner Handelsregister Anfang 1981 für Konfusionen gesorgt.

Angemeldet wurde das neue Unternehmen von jenem Kurt Desch, der auch den alten Desch-Verlag gegründet, ihn mit scheinbar viel uneigennützigem Engagement zu Ansehen gebracht, schließlich verkauft und durch die Veruntreuung von Autorengeldern in Verruf gebracht hatte. Der heute 78jährige, der wegen seiner unbelasteten Vergangenheit bereits am 17. November 1945 von den Amerikanern die erste Verlagslizenz für Bayern bekam und damit zu den Verlagspionieren der Bundesrepublik gehört und bis 1973 rund 4300 Titel mit einer Auflage von 41 Millionen Exemplaren herausbrachte, will offenbar versuchen, seine Biographie nicht in Prozeßberichten enden zu lassen.

Nach fast zehn unrühmlichen Jahren dürfte das allerdings schwerfallen. Damals hatte alles ganz harmlos angefangen: Kurt Desch, den Kasimir Edschmid bereits 1953 zu den „großen Verlegergestalten“ rechnete und den Gustaf Gründgens bereits „eine Legende“ nannte, suchte Anfang der siebziger Jahre mangels natürlichem Nachfolger nach einem Käufer für seine Verlagsgruppe, zu der damals neben dem Buchverlag, der Theaterverlag, eine Buchgemeinschaft („Welt im Buch“) und eine Taschenbuchreihe („Mitternachtsbücher“) gehörten. Trotz zahlreicher angesehener und erfolgreicher Autoren – bei Desch publizierten Jean Anouilh, Pearl S. Buck, Hans Habe, Hans Helmut Kirst, Alberto Moravia, Erich Maria Remarque, Ernst Wiechert und andere – fand sich jedoch unter den renommierten Verleger-Kollegen kein Interessent. Möglicherweise hatte sich damals in der Branche schon herumgesprochen, daß die Verlagsgruppe zwischen 1965 und 1971 nur zweimal mit Gewinn gearbeitet hatte.

1973 war es dann doch soweit: Auf ein Desch-Inserat meldeten sich die Brüder Hermann und Helmut Kampsmeyer, damals Inhaber des Münchner Adreßbuch-Verlags Unitex. Sie übernahmen das Unternehmen jedoch wohl nur als Strohmänner, denn bereits im Januar 1974 gaben sie ihre Anteile für 2,4 Millionen Mark an den in der Branche bis dahin unbekannten Bernhard Cremer weiter. Cremer stammt aus der rheinischen Industriellen-Familie Werhahn, hatte im Bankfach gearbeitet und ein Konservatorium besucht. „Seinen musischen Neigungen entsprechend“, hieß es damals offiziell, „hat er sich dem Verlagswesen zugewandt.“

Die von keinerlei buchhändlerischen Erfahrungen getrübten musischen Neigungen reichten aber nicht aus, um die Schwierigkeiten zu bewältigen, die in der folgenden Zeit auf den Verlag zukamen. Bereits unmittelbar nach dem Verkauf an die Brüder Kampsmeyer hatte Bestseller-Autor Hans Habe gegenüber dem Verlag „widerrechtlich nicht verrechnete und natürlich nicht ausbezahlte Tantiemen“ geltend gemacht. „Mit den Zinsen und Zinseszinsen – gewisse Posten gehen bis 1960 zurück – handelt es sich hier um eine Summe von mehreren hunderttausend Mark.“ Habe, der seinem Verleger noch 1963 in einer Eloge zu dessen sechzigsten Geburtstag bescheinigt hatte: „Hier sind die Ansichten fortschrittlich, und die Buchhandlung ist konservativ“, ihm nun aber einen „kriminellen Charakter der Geschäftsführung“ attestierte, brachte den Stein ins Rollen.

Autoren, die nicht schon durch Habes Aktion aufmerksam geworden waren, brachte ein Jahr später ein Brief des ehemaligen Desch-Prokuristen Hermann Hassdenteufel auf Trab. Der Prokurist offenbarte, daß „auf Veranlassung und Anweisung des Verlegers Kurt Desch gegenüber Autoren, Agenturen und Verlagen ... Honorare bewußt unvollständig und damit unzutreffend abgerechnet“ worden seien. In der Folgezeit mußte Ex-Verleger Kurt Desch allein an Hans Helmut Kirst („08/15“) eine halbe Million, an Hans Habe 300 000 Mark nachzahlen.

Den Auseinandersetzungen mit den Autoren folgten Streitereien zwischen Cremer beziehungsweise seinem Generalbevollmächtigten Johann Milleder und Kurt Desch über die angeblich frisierte Bilanz und den zu hohen Kaufpreis. Schriftsätze der Anwälte wechselten ab mit öffentlichen Erklärungen und Verdächtigungen. Insgesamt zwanzig Prozesse, so Milleder heute, habe er mit Kurt Desch geführt.

Trotz dieser sachfremden Belastungen erstellte der Verlag für 1975 noch ein vollständiges Programm. Doch zu Beginn des Sommers 1976 wuchsen die finanziellen Schwierigkeiten. In der Fachpresse war von unbezahlten Rechnungen, ungedeckten Schecks und kaufmännischen Tricks die Rede. Der Verlag war zeitweise nicht einmal mehr telephonisch zu erreichen. Angestellte wurden nicht mehr bezahlt. Die Teilnahme an der Frankfurter Buchmesse fiel wegen nicht bezahlter Standmiete aus. Ein Gläubiger schaltete schließlich den Staatsanwalt ein, und die Autoren – bei beiden Verlagsverkäufen nicht einmal gefragt – gründeten einen Interessen-Beirat, der jedoch an mangelnder Solidarität scheiterte.

Während die Münchner Verlagsherren hektisch nach einem neuen Käufer für das angeschlagene Unternehmen suchten, gingen im Verlag zahlreiche Schreiben von Anwälten ein, die im Namen der noch bei Desch verbliebenen Autoren auf Bezahlung ausstehender Honorare drängten. Manche hatten damit ganz oder teilweise Erfolg, andere gingen leer aus, etliche Forderungen aus Lizenzverträgen, etwa mit Buchgemeinschaften, blieben ungeklärt, weil die Unterlagen im Verlag nicht mehr auffindbar waren. Obwohl Johann Milleder heute erklärt, es habe nie originäre, sondern nur indirekte Autorenschulden gegeben, steht fest, daß Cremers Desch-Verlag selbst ausgewiesene Autorenhonorare nie bezahlt hat. Zwar kamen die Abrechnungen ins Haus, Briefe mit der Bitte um Überweisung hatten aber ebensowenig Erfolg wie gerichtliche Zahlungsbefehle.

Nachdem mehrere Verkaufsverhandlungen wegen der unüberschaubaren Verbindlichkeiten und der Abwanderung prominenter Autoren gescheitert waren, wurde die Lösung im eigenen Hause gesucht: Bernhard Cremer, ohnehin meist in der Toscana, übernahm allein den weniger arbeitsintensiven Theater-Verlag, Johann. Milleder den Desch-Buchverlag, der in den folgenden Jahren mehrfach umfirmierte. Heute gibt es wieder den Verlag Kurt Desch, der laut Milleder allerdings keine neuen Bücher, sondern nur noch Neuauflagen herausbringt, und den Buchvertrieb des Verlags Kurt Desch, der alte Bestände ausliefert.

Auch Milleder freilich konnte keinen reinen Tisch machen. Unbeachtet von der Öffentlichkeit beschäftigten er und Kurt Desch weiterhin Anwälte und Gerichte. Im vergangenen Jahr kam es dann zu einem Vergleich, der aber alles andere als unumstritten zu sein scheint. Während Kurt Desch Aussagen zum Inhalt des Abkommens verweigert, aber behauptet, es sei notariell beglaubigt, und „diese Leute“ dürften seinen Namen nicht mehr verwenden, sieht Milleder klare Fronten. Desch habe ihm mehrere Vermögenswerte, darunter das alte Desch-Verlagsgebäude in der Romanstraße, in dem Kurt Desch immer noch ein Dachzimmer gemietet hat, übergeben; dafür habe er etwa zwölf Prozesse gegen Desch eingestellt. Ein Verbot, den Namen Desch zu benutzen, und die Neugründung des Altverlegers unter diesem Namen hält Milleder für absurd. Milleder: „Das ist so hirnrissig, ich kann’s nicht mehr rational nachvollziehen.“

Die neuen Aktivitäten des Kurt Desch, über die er vor März oder April nichts Genaues sagen will, gedenkt Milleder aber nicht ohne weiteres hinzunehmen. Denn schließlich will Desch seinen neuen Verlag unter demselben Namen und unter der Adresse Romanstraße 7–9 betreiben, unter der auch der alte, inszwischen nach Laim umgesiedelte Desch-Verlag zumindest noch postalisch gemeldet ist.