Die CDU wartet in der Deckung

Von Hermann Rudolph

Dramatisch sind CDU-Parteitage selten, Aber der Parteitag, zu dem sich die Union Anfang nächster Woche in Mannheim versammelt, verspricht, das übliche Maß an Konfliktlosigkeit noch zu unterbieten. Die angesetzten Wahlen sind im Grunde genommen Bestätigungswahlen der gegenwärtigen Parteiführung, mit Kohl an der Spitze; die Debatte über den Wohnungsbau birgt nichts weniger als Sprengstoff; das Arbeitsprogramm, das verabschiedet werden soll, ist darauf angelegt, niemanden zu überfordern.

Dieser Mangel kommt der Partei jedoch gerade recht. Angesichts der Auseinandersetzungen in der Koalition, zumal der SPD, gibt er ihr die Möglichkeit, selbstbewußt zu demonstrieren, daß sie nicht ist wie diese da. Der Parteitag dient als Forum, um im Kontrast zum politischen Gegner am Image der modernen Volkspartei CDU zu polieren – diskussionsbereit, aber einig in den Grundsätzen; aufgeschlossen, aber zugleich kalkulierbar und pragmatisch.

Das alles paßt genau in die Linie, die der CDU-Vorsitzende Kohl seit den Bundestagswahlen im Oktober verfolgt hat. Kohl verzichtete auf das innerparteiliche High-Noon, die Abrechnung mit Franz Josef Strauß, der CSU und jenen in der eigenen Partei, die ihn um die Kanzlerkandidatur gebracht hatten.-Statt dessen setzte er auf Zurückhaltung, Ruhe, Geschlossenheit. Dahinter stand die Kalkulation, daß die Partei die Niederlage leichter verwinden und die notwendigen Kurskorrekturen besser bewältigen werde, wenn sie vermeidet, die Kontrahenten in der Partei aufzuscheuchen. Die nach dem Wahlausgang fällige Wende von Straußschem Konfrontationskurs hin – oder zurück – zu Kohls Politik einer liberal-konservativen Offenheit sollte sich im Windschatten bewahrter, wahlkampfbewährter Einigkeit vollziehen, ohne den innerparteilichen Gegnern Trefferflächen zu bieten. Die Kandidatur von Strauß sollte so ganz unmerkbar zur Episode verblassen, die Strapazen, die sie der Partei auferlegt hat, sollten vergessen, die Niederlagen, in die sie sie geführt hat, gleichsam ungeschehen gemacht werden.

Diese Rechnung ist bis jetzt in erstaunlicher Weise aufgegangen. Kein halbes Jahr nachdem die Union auf ihr schlechtestes Wahlergebnis in den letzten dreißig Jahren zurückgeworfen worden war, sieht sie fast wie der Sieger der Bundestagswahlen aus. Doch das verdankt Kohl weniger seiner Taktik als den Umständen. Das Wahlergebnis hat ihm Spielraum nach innen, gegenüber der Partei gegeben. Es war eindeutig genug, um Strauß zum Rückzug zu zwingen; es war in Schleswig-Holstein und Niedersachsen so schlecht, daß er die potentiellen Führungs-Konkurrenten Stoltenberg und Albrecht fürs erste vom Halse hat; aber es war nicht so schlecht, daß die Partei nach Umkehr und Neuanfang gerufen hätte. Den Rest besorgte die Koalition, deren mäßige Tagesform alle Aufmerksamkeit von dem Unions-Ergebnis ablenkte.

Aber wie lange wird der Frieden dauern? Das hängt nicht nur davon ab, wann die Koalition wieder Tritt faßt. Der ganzseitige Artikel, den Franz Josef Strauß in der letzten Woche im Bayernkurier veröffentlicht hat, kann schwerlich anders denn als Schuß vor den Bug des CDU-Parteischiffs verstanden werden. Der Zufall, daß Kohl ziemlich zur gleichen Zeit in einem Interview seine Bereitschaft erklärt hatte, die Regierung auf Gebieten von nationaler Bedeutung zu unterstützen, macht das um so deutlicher. Strauß’ Forderung, die Union müsse in die Offensive gehen, seine Warnung keinen politischen Stillstand eintreten zu lassen, sondern der Koalition auf den Fersen zu bleiben, die Behauptung, seine Sonthofener Prophezeiungen seien nun eingetreten – all das läßt erkennen, daß er Kohl nicht erlauben will, klammheimlich den Schatten von gestern zu entkommen.