Bedrohlich konnte man es schon immer finden, wenn deutsche Menschen sich zu organisiertem Frohsinn finden. Beim Sitzungs-Karneval darf gelacht werden: aber nur auf Kommando. Da gibt sich dem reglementierten Amüsement hin, wer gewöhnlich nichts zu lachen hat. Auf dem Fernsehschirm, bei Veranstaltungen wie "Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht", wirkt diese Art von Heiterkeit besonders zwanghaft.

Aber wir wollen den Biedermännern mit den Pappnasen ihre Vergnügungen nicht neiden, auch den Politikern nicht, die sich ihrem Wahlvolk bei solchen Gelegenheiten auf wirksame Weise tümlich präsentieren. Bei der 27. Mainzer Fernsehfastnachtssitzung – letzten Freitag im ZDF – waren bis zum bitteren Ende zugegen: Helmut Kohl, Bernhard Vogel, Klaus von Dohnanyi, Walter Wallmann und andere Garanten unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung, die nur ganz böse und humorlose Menschen FDGO abkürzen.

Während der tollen Tage merkt man endlich wieder, daß unser gesundes Volksempfinden doch noch nicht tot ist. Unter der Narrenkappe rührt es sich am liebsten gegen Linke und andere Schmutzfinken. Daß dieser Fassbinder in seiner "Alexanderplatz"-Serie "Schmuddelsex" verbreitet und "Millionen verpulvert" hat, wußten wir zwar schon aus der Springer-Presse, aber es kann gewiß nicht schaden, daß auch die Jecken noch einmal darauf hinweisen. Einem besonders lustigen Bütten-Redner fiel sogleich die Endlösung des Problems ein. Man müßte ja nur ein Streichholz drunterhalten: "Zelluloid brennt bekanntlich sehr gut" (was allerdings nicht ganz stimmt). Auf diesen Vorschlag ist nicht einmal Bild gekommen: "So reinigt schnell des Feuers Macht / den deutschen Film von finsterer Nacht."

Es ist wahrscheinlich nur den strengen Brandschutzbestimmungen zu danken, daß nicht gleich im Saale ein Scheiterhaufen errichtet wurde, um den der Elferrat nach Indianer-Sitte hätte tanzen können. Und wenn man schon mal dabei war: warum nur Filme verbrennen, warum nicht auch wieder Bücher. Das knistert so gemütlich, das gäbe ein schönes Feuerchen für Wallraff, Böll und Engelmann, und Staecks Plakate obendrein. Wer das nicht komisch findet, verdient verschärftes Hausverbot bei den "Narhällesen".

Wie weit geht die Narrenfreiheit? Beim WDR wurde gerade einem Redakteur fristlos gekündigt, der bei einer "live"-Veranstaltung im Rundfunk einen ziemlich geschmacklosen Song über die Jungfrau Maria hatte durchgehen lassen. Auch wurde in dieser Sendung der "Radiothek" von derselben Song-Gruppe zum Schwarzfahren in öffentlichen Verkehrsmitteln aufgefordert. Das darf man natürlich nicht einmal am Rosenmontag.

Gehen wir also lieber Filme verbrennen im Park. Man hat nichts davon gehört, daß ein einziger der in Mainz anwesenden Prominenten aus Politik und Wirtschaft gegen diese alte deutsche Freizeit-Beschäftigung protestiert hätte. Keiner verließ den Saal, keiner hat offenbar etwas gemerkt. Und dann klagen sie darüber, daß ihnen die Jugend davonläuft.

Nein, Fassbinder ist keine heilige Kuh. Man darf sich sehr wohl und auch sehr grob über seine Arbeit lustig machen. Aber verbrennen? Da schlägt des Spießers dumpfer Haß gegen alles Schwierige, gar Intellektuelle endlich um in blanken Faschismus, auch wenn der sich wieder unter einer Schellenkappe tarnt.