Sehenswert

"Dressed to Kill" von Brian De Palma. Es beginnt mit dem üppigen erotischen Alptraum einer reifen schönen Frau (Angie Dickinson, 21 Jahre nach "Rio Bravo" attraktiver denn je), die bald darauf auf häßliche Weise zu Tode kommt. Wie sein Idol Alfred Hitchcock in "Psycho" läßt Brian De Palma die heimliche, nachmittägliche Fleischeslust der Heldin mit ihrer Ermordung bestrafen. Ein blonder Phantomkiller metzelt Angie in einem Fahrstuhl nieder. Und diese Person im schwarzen Regenmantel ist so gefährlich und so verrückt wie einst Anthony Perkins als Norman Bates. Bis ihre Identität in der vorletzten Rolle enthüllt wird (eine kleine Enttäuschung, der noch ein grandioses Finale folgt), entwickelt De Palma einen der originellsten Thriller der letzten Jahre: eine mörderische Schnitzeljagd durch ein nächtliches, bedrohliches New York, an Schauplätzen, die man aus den Filmen der Schwarzen Serie der vierziger Jahre kennt: verlassene Bahnhöfe, einsame, regennasse Straßen, dunkle Wohnungen, in denen schreckliche Geheimnisse warten. Vier Personen suchen einen Mörder: ein Psychiater (Michael Caine), ein Callgirl (Nancy Allen), ein Polizist (Dennis Franz) und der Sohn des Opfers (Keith Gordon). Die Qualität von "Dressed to Kill", von David Denby im New York Magazine als "erster großer amerikanischer Film der achtziger Jahre" gefeiert (was wohl etwas übertrieben ist), hat weniger mit den überraschungsreich variierten Versatzstücken des Genres zu tun (neben dem von Hitchcock ist auch der Einfluß von Robert Siodmak spürbar) als mit der Eleganz seiner Inszenierung. Nicht blutige Horroreffekte (die allerdings auch vorkommen) stellen die unheimliche Spannung des Films her, sondern das Zusammenspiel von Kamerabewegungen und Musik. In der besten Szene passiert fast nichts: In einem Museum, bei einem subtilen Annäherungsritual, findet. Angie Dickinson einen Mann, von Brian De Palmas Kamera umschmeichelt, die zu einem Instrument der Begierde wird. Hans C. Blumenberg

Geschmackvoll

"Eine ganz normale Familie" von Robert Redford ist das Regiedebüt des "Superstars": die Verfilmung des erfolgreichen Erstlingsromans von Judith Guest (deutsch bei Rowohlt erschienen), dessen Filmrechte Redford schon vor der Veröffentlichung 1976 erworben hatte. "Ordinary People" (Originaltitel) beginnt mit einer Überblendungsserie, die wie die Dia-Show eines cleveren und kunstsinnigen Maklers wirkt, der ein Objekt im vornehmen Chicagoer Vorort Lake Forest anpreisen will: rötlichbraune Herbstblätter fallen dekorativ vor adretten Landhäusern auf gepflegte Rasenanlagen. Dazu die Klänge von Marvin Hamlishs Piano-Improvisationen von Pachelbels "Canon in D". In diesem Stil geht es auch weiter: Herbstlaub und Wintergefühle, mit erlesenem Geschmack zelebriert. Einsamkeit und Verzweiflung, Melancholie und Repression einer "upper middle class"-Familie beim Frühstück, im Vorgarten und beim Golfspiel. Es ist die Chronik einer "typischen" WASP (White-Anglo-Saxon-Protestant)-Familie, deren "heile Welt" nach dem Tod des geliebten älteren Sohnes auseinanderzubrechen droht. Mary Tyler Moore und Donald Sutherland spielen das Elternpaar, der begabte Timothy Hutton (Sohn des verstorbenen Schauspielers Jim Hutton) den neurotischen jüngeren Sohn, der mit seinen Schuldkomplexen nicht fertig wird. Ärger im Paradies also, obwohl doch gerade dieses Prominentenviertel ein einziges großes Therapiezentrum zu sein scheint, wo Klassenkameraden, Geschäftsfreunde und Nachbarn pausenlos ihre Diagnosen zum Seelenleben anderer abgeben und ihre Hilfe anbieten: "Möchtest du darüber sprechen?" Der Bösewicht ist (natürlich) der kalte Fisch von WASP-Mutter, für die ein Staubkörnchen der Inbegriff der Todsünde ist (ihr ähnlich simplifiziertes Gegenbild ist die mit ihrer Liebe alles erdrückende jüdische Mom in Filmen wie "Portnoy’s Complaint" oder "Next Stop, Greenwich Village"). Der gute Geist ist der mitfühlende jüdische Psychiater (Judd Hirsch), der unrasiert und in zerknautschter Wolljacke in seinem dunklen Büro hockt und seine Hexenkunst praktiziert: die erstarrten WASPs wieder zu ihren Gefühlen finden zu lassen. Mit seinem feierlichen Ernst, seiner taktvoll ans Herz greifenden Aufrichtigkeit und seinen so überaus angemessenen Dialogen, Dekors und Kostümen wirkt "Ordinary People" wie Robert Redfords "Innenleben": Ein therapeutisches Seelenmelodram, ausgeführt im akademischen "high quality"-Stil einer Fernseh-Seifenoper. Im Augenblick wohl der seit "Kramer gegen Kramer" überschätzteste amerikanische Film, in ferneren Jahren vielleicht durchaus, wie Woody Allens "Interiors", als (unfreiwillige) Satire zu goutieren.

Helmut W. Banz

Freundlich

"It’s My Turn – Ich nenn’ es Liebe" von Claudia Weill, die nach ihrem Überraschungserfolg mit "Girlfriends" (1978) einen richtigen Hollywood-Vertrag, ein Sieben-Millionen-Dollar-Budget und drei Stars (Jill Clayburgh, Michael Douglas, Charles Grodin) bekam. Die in solchen Rollen inzwischen fast unvermeidliche Jill Clayburgh ("Eine entheiratete Frau") spielt in "It’s My Turn" eine Mathematikdozentin aus Chikago, die zu einem hektischen Wochenende nach New York aufbricht, das ihr Leben gründlich durcheinander bringt: Soll sie den attraktiven neuen Job in Manhattan annehmen, soll sie ihren oberflächlich-freundlichen Liebhaber (Grodin) zugunsten eines ehemaligen Baseball-Profis mit Herz und Vollbart (Douglas) verlassen? Wer sich für diese Fragen interessiert, sitzt durchaus im richtigen Film, von dem eine Zeitschrift namens Mademoiselle Magazine zutreffend behauptet hat, er spreche "das Herz an, mit romantischem Touch und Humor". Kurt Weills Großnichte, die fest entschlossen scheint, in Hollywood Karriere zu machen, kommt mit weniger Süßlichkeiten aus, als solches Lob befürchten läßt. "It’s My Turn" ist ein überdurchschnittlich intelligentes Boulevarddrama mit oft witzigen Dialogen (von Eleanor Bergstein) und beiläufigem Sinn für weibliche Unsicherheiten und männliche Überheblichkeiten. In einer der besten Sequenzen schaut Jill Clayburgh einem Jubiläumsspiel von ergrauten, fett gewordenen Baseball-Veteranen zu: eine satirische Vignette zum Thema Männlichkeitswahn, wie überhaupt die Kleinigkeiten am Rande des Geschehens den bescheidenen Charme dieses Films ausmachen. Claudia Weil! ist die Heidi Genie von Hollywood.